Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 9
möglich zu dem noch so kräftigen individualistischen Fürsten—
ideal — sollte zunächst erzogen werden, nicht schon der Staats⸗
bürger: und erst im Laufe dieser Erziehung sollten sich die Gene—
rationen der Untertanen in solche der Staatsbürger verwandeln.
Zudem: wurde nicht die nun doch schon emporkommende
Gesellschaft des 18. Jahrhunderts bei einem solchen Gange
der Entwicklung jedes unmittelbaren politischen Interesses be—
raubt? Verschwand nicht das politische Ideal vor dem päda—
gogischen? Und wurden damit nicht die publizistischen Probleme
zu literarischen? Die Zeit hat keine Staatslehre von an—
erkannter Bedeutung entwickelt; aber Erziehungsromane schossen
empor wie Pilze im Frühlingsregen und gipfelten in einem
so überragenden Werke, wie dem „Wilhelm Meister“ Goethes.
Indem aber die politische Diskussion, soweit sie sich
dennoch ausbildete, derart einen spezifisch literarischen Anstrich
erhielt, verlor sie, bei dem Wesen der literarischen Kreise des
Frühsubjektivismus, ihren eigentlich innersten Charakter: den
Zug eines großen öffentlichen Lebens. Wie der literarischen
Entwicklung Komödie und aktives Sittendrama größeren Stiles
fern blieben, da sie in ihrer verhältnismäßig kleinbürgerlichen
Luft nicht zu gedeihen vermochten, wie in ihr die Kritik nicht
selten zu kleinlichem Gezänk entartete, wie in ihr neben Adel
der Denkart und zuchtvoller Freiheit einer ungeschminkten
Meinungsäußerung doch auch Erscheinungen hervortraten, die
einer kleinen Abmessung der Dinge entstammten: Bedürfnis
gegenseitiger Loberei, Geschraubtheit, Personenkult und der
Krebsschaden alles deutschen Wesens, die Clique: so war sie
in politischen und sozialen Dingen nicht geeignet, den Nähr⸗
boden eines anderen als radikalen, sozusagen noch individuell
gefärbten subjektivistischen Denkens abzugeben.
Es ist ein Mangel von elementarer Wichtigkeit. Denn
ob dem Individuum allein Selbständigkeit und sittlicher Wert
beizumessen sei, oder ob vielmehr neben ihm oder gar als
wertvoller über ihm das geistige Gesamtleben menschlicher Ge⸗—
meinschaft ins Gewicht falle und demgemäß klare Formen
seiner Auswirkung zu denken und zu suchen seien: das ist eine