294 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
Stellung und in dieser sein besonderes Verhältnis zum Staats—
leben gewonnen hat. Reglementiert vielmehr wurden diese
Anfänge nach den Gesichtspunkten der bestehenden Staats—
tätigkeit; kräftig mischte sich die Obrigkeit in das werdende
Verhältnis zwischen den frischen Schichten der Unternehmer
und der Arbeiter; und eine neue Bindung, noch bevor sich
irgendein Ideal des wirtschaftlichen Subjektivismus voll ent⸗
faltet hatte, schien im Anziehen, ja hatte sich, eben auch in
Preußen, bereits weithin entwickelt.
Es ist ein Zusammenhang, der die spezifisch geistige Ent—
wicklung des Bürgertums im 18. Jahrhundert von einer
bisher nicht berührten und doch wichtigen Seite her erklärt.
Wie sollte dies Bürgertum seinen Wirtschaftswillen kräftig
schwellen fühlen, wurde dieser schon in statu nascenti durch
die Reglements eines alternden Polizeistaates unterbunden?
Bis zu welchem Grade die mit dieser Lage gegebenen Schwierig⸗
keiten drückten, und zwar auch in Preußen, zeigt vielleicht nichts
besser als die Geschichte der Judenemanzipation, insbesondere
wiederum der Entwicklung der Berliner Judenschaft. Aus wirt—⸗
schaftlichen Motiven vornehmlich war die Knechtung der Juden
im Mittelalter erfolgt; besonderen Formen des Wirtschafts—
lebens hatten sie seitdem in engster Bindung ihrer persönlichen
Initiative angehört; so mußte nichts natürlicher erscheinen,
als daß sie auch auf wirtschaftlichem Gebiete ihre Emanzipation
erstrebten. Dennoch war dies nicht der Fall. Entsprechend
der stark ideologischen Haltung des Bürgertums suchten sie
ihre Befreiung vielmehr zum besten Teile auf dem ganz anderen
Wege, daß sie sich der geistigen Kultur der Nation näherten.
So wurden von ihnen Schulen errichtet und Gesellschaften zur
Beförderung der geistigen Interessen gegründet. Und man
kennt den Erfolg schon um die Wende des 18. Jahrhunderts.
Zum großen Teile jüdisch waren die Berliner Salons, in
denen neben dem Bürgertum auch freisinnige Adlige, Diplo—
maten, selbst der Prinz Louis Ferdinand verkehrten. Und der
geistigen Emanzipation, wenn sie auch mit wirtschaftlichem
Aufschwunge verknüpft war, ist dann erst die bürgerliche ge—