304 Dreiundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
verwandten Pfaden vor; und bei weitem überwogen im Reiche
die verständigen und pflichttreuen Absolutisten die freilich besser
bekannte Zahl der Herrscher von Laune, Willkür und wohl gar
ausgesprochener Bosheit. Dieser gute Wille zum Herrschen aber
erhielt seinen Inhalt zum größeren Teile aus der Aufklärung
der Zeit: und das hieß je länger je mehr aus der öffentlichen
Meinung!. Es ist einer der merkwürdigsten Zusammenhänge
namentlich der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts; immer
wieder wird der Blick auf ihn zurückgelenkt; denn er vor allem
erklärt die Ruhe und Zufriedenheit der Zeit, den Mangel an
dem Bedürfnis staatstheoretischen Fortdenkens, die praktische
Indifferenz gegenüber der französischen Revolution, die weit
verbreitete Empfindung, daß man in dem tatsächlich oder wenig⸗
stens potenziell besten aller Staaten lebe.
Und eins stand in der Tat fest: in den aufgeklärten Mon—
archien Deutschlands während der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts erlebte der reine Staat des Individualismus wirk—
lich eine seiner höchsten wie auch besten Verkörperungen,
und die Zeitgenossen waren im ganzen glücklich im Gefühl
dieser Erscheinung. Wie jedes individualistische Zeitalter das
historische Gefühl unterdrückt, da es von der Anschauung einer
nie zu durchbrechenden absoluten Statik der menschlichen Seele
ausgeht, so empfand man den bestehenden Zustand als im
Grunde unveränderlich, die soziale Schichtung in Bauer, Bürger
und Edelmann als ein für alle Mal gegeben: und den in der
Zeit getroffenen Ausgleich sozialer Interessen auf Grund dieser
unabänderlichen Basis als vollendet. Indem dann über diese
Ordnung der sozialen Verhältnisse hinaus die Monarchien danach
strebten, den höchsten Grad wirtschaftlichen Wohlseins und
geistiger Bewegung zu erreichen, schien gleichsam das Ende der
politischen Zeiten nahe herbeigekommen; schon träumten selbst
realistisch gewandte Denker wie Lessing und Kant von kommenden
höheren, staatenlosen Jahrhunderten. Es war auf politischem
Gebiete die genaue Anwendung des Entwicklungsgedankens der
1S. dazu oben S. 12ff.