Ciquidation der alten Formen des wirtschaftl. u. sozialen Lebens. 311
hältnis zu den eingeborenen Entwicklungsrichtungen des deutschen
Wesens gleichsam zu kurz gegriffen hatten: und die Geschichte
des preußischen Staates in der zweiten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts hat, obwohl auch sie mit einigen Teilen der kon⸗
stitutionellen Ideale des Westens durchsetzt wurde, keinen
Zweifel darüber gelassen, daß ein kraftvoller deutscher Staat
auf nichts als eigenen, nationalen Grundlagen und das heißt
auf der Basis der jeweils voll entwickelten modernen National⸗
kultur errichtet werden kann.
Freilich: suchte man um 1806 diese Ideale, so waren sie,
wie wir wissen, in ihren Umrissen noch so wenig umschrieben,
daß es einstweilen nur bei Tendenzen, bei Aussichten und
allenfalls Versprechungen bleiben zu können schien. Oder sollte
man etwa gar sich rückwärts wenden und den altständischen
Staat des späteren Mittelalters wenigstens teilweise erneuern?
Nur sehr eng begrenzte Kreise haben das gewollt; und auch
zumeist nur deshalb, weil sie den Staat, dessen Idee sie er—
zeuern wollten, nicht wirklich kannten.
Einstweilen indes, im Jahre 1806 oder 1807, standen
gerade dem preußischen Staate tausend Nöte der Gegenwart
noch weit näher als die Sorge um eine künftige Verfassung;
und man konnte sich, warf man die Verfassungsfrage über—⸗
haupt auf, zunächst noch durchaus mit Denkschriften und mit
Zem Worte Steins beruhigen, daß eine Verfassung bilden das
Gegenwärtige aus dem Vergangenen entwickeln heiße.
Weit näher jedenfalls, als die Errichtung einer Ver⸗
fassung, lag die Umbildung der Verwaltung. Denn hier
hatten sich schon vor der Katastrophe von 1806 und 1807,
aund zwar fast mehr auf sozialem als auf wirtschaftlichem Ge⸗
biete, Spuren des Verfalls ergeben, die schon deutliche
Vorempfindungen künftigen Unheils zeitigten. Und so war
man bereits vor 1806 zu Anderungsvorschlägen fortgeschritten.
Vor allem erschien es da notwendig, den König der Umgarnung
zu entziehen, mit der ihn die Institution der Kabinettsräte!
1 S, oben S. 190 ff.