330 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
am Rheine selbst; dann auch in Bayern, im Bereiche des
Phäazismus, der „nonnête débauche de Munich“: da, wo
man Wohltaten zu empfangen, wo man der Verantwortlichkeit
eigenen Handelns überhoben zu sein schien.
Doch auch den Kreisen der fortschreitenden deutschen
Kultur, in denen man wenigstens im Denken kräftig war, ge—
lang es nur sehr allmählich und auch dann noch unvoll⸗
ständig, sich in den Besitz eines Verständnisses der politischen
Vorgänge im Sinne wirklicher Erlebnisse zu bringen.
Im Jahre 1805 starb Schiller, 1808 erschien zum ersten
Male die Liebestragödie des „Faust“: es sind die letzten
Blütejahre des literarischen Klassizismus. Ließ sich von ihnen
leicht eine Brücke zu der Gegenständlichkeit der politischen
Vorgänge schlagen? Die literarische Bewegung des Frühsubjek—
tivismus ist nie eigentlich staatsfeindlich gewesen, wohl aber
staatsverdrossen. Von kleinbürgerlichen Kreisen ging sie aus;
schon die sozialen Probleme standen ihr fern, erst recht galt
das von den politischen. Und den Beweis lieferte sie eben
dann am meisten, wenn sie sie äußerlich berührte: konnte man
wirklich glauben, mit dem Rufe „In tyrannos* die deutsche
politische, mit Kindesmörderinphantasien die deutsche soziale Welt
des 18. Jahrhunderts aus den Angeln zu heben? Als dann,
in den Zeiten des Klassizismus, eine Läuterung auch der
sozialen Seite der literarischen Bewegung eintrat, als Goethe,
Herder und Schiller hoffähig wurden, lief dem wohl eine
innere Läuterung auch in politischen und sozialen Anschauungen
voraus und parallel: aber sie pflegte keineswegs, sieht man
etwa von Goethe ab, tiefere Beziehungen zu der sozialen und
politischen Gegenwart, sondern reifte den neuen Adel der
Denkart und eine vermehrte Zucht zur Wahrhaftigkeit vielmehr
in kosmopolitischen Idealen aus.
In die politische Gegenwart trat man aus diesem Be⸗
reiche eigentlich nur auf einem Umwege, auf dem der historischen
Betrachtung. Es ist früher ausführlich dargelegt worden, in⸗
wiefern die Entwicklung subjektivistischen Seelenlebens auch un⸗