Die Freiheitskriege: 1809, 1818.
333
schaft kommen vor der Einwirkung jener wirtschaftlichen und
sozialen Reformgesetzgebung, von der wir im vorigen Kapitel
gehört haben? Die gesamte Entwicklung des politischen
Denkens der Nation vor etwa 1808 und 1809 entbehrte der
unerläßlichen und aufs entschiedenste vorwärts treibenden
Untertöne, welche diese Gebiete zu dem symphonischen Werke
der politischen Erziehung eines Volkes liefern.
Was uͤbrig blieb und sich seit 1806 und 1807 in der Tat
mmer stärker entfaltete, war die Scham und die Trostlosig⸗
keit über das äußere Unglück des Vaterlandes: Gefühle also
mehr als Interessen. Gewiß waren das Elementargefühle; in
Zeiten schwerster Erregung der Nation in allen ihren Kreisen
ist immer wieder an sie angeknüpft worden; im Jahre 1870
hat man unter den Beleidigungen Napoleons III. an erster
Selle des Ubermutes Napoleons J. und der Raubsucht
Ludwigs XIV. gedacht; nicht bloß die Szene in Ems, sondern
das niemals völlig verglommene Gefühl einer zweihundertjährigen
Beleidigung hat die Nation mobil gemacht.
Aber felbst dieses Gefühl, wie es allmählich immer weitere
Kreise ergriff, war zumeist noch gleichsam unumschrieben und be⸗
dingte mehr das Pathos eines unbestimmten Tatendranges als ein
Programm planmäßigen Vorgehens. „Die Schönheit ist für
ein glückliches Geschlecht; aber ein unglückliches muß man er⸗
haben zu rühren suchen“: diese Worte Schillers könnte man
den Jahren vor 1808 und 1809 als Losung vorschreiben:
Ahnung politischer Leidenschaft war es. was sie an erster
Stelle kennzeichnete.
Und es darf als charakteristisch gelten, daß diese Stimmung
nirgends einen klassischeren Ausdruck gefunden hat als in der
Musik — und daß diese Musik auf dem Boden Hsterreichs, in
Wien ertönte. Eben in der Zeit, da die Herrscher Europas in
Erfurt zu den Füßen Napoleons saßen, vollendete Beethoven,
dieser größere Held jener Jahrzehnte, seine C-·moll⸗Symphonie.
Und nachdem er in der „Eroica“ sehr wider sein eigentliches Wollen
mit der nunmehr als theatralisch erkannten Heldengröße des
Korsen gebrochen hatte, malte er in ihr jetzt die Erschütterung