Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Freiheitskriege: 1809, 1813. 
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in denen sich, Ende September 1808, Napoleon und Alexander 
in Erfurt trafen. Und nie vielleicht hat Napoleon die 
äußere Pracht seiner Herrschaft und das Verführerische seines 
Wesens erfolgreicher entfaltet. Nichts in dieser Hinsicht hatte 
er dem Zufall überlassen. Bis ins kleinste hinein hatte er die 
Aufstellung seines Trosses und die Auswahl seines Gefolges 
selbst betrieben; und was nur seiner Meinung nach irgendwie 
auf die Deutschen Eindruck zu machen versprach, hatte er nach 
Deutschland beordert. Da spielte z. B. unter dem Volke der 
Dichter und Denker das Theater eine Rolle: so wurden denn die 
Groͤßen der französischen Bühne nach Erfurt zum Spiel befohlen: 
und noch heute sind in Deutschland, in drei⸗ bis vierfacher Über⸗ 
tragung von Geschlecht zu Geschlecht fortvererbt, die Er— 
mnnerungen an die Kunst der Talma, Desprez, Rancourt nicht 
völlig erloschen. Und war es nicht in der Tat im höchsten 
Grade eindrucksvoll, um nicht zu sagen „imposant“, wenn, vor 
dem bekannten Parterre deutscher Könige und Fürsten, von der 
Erfurter Bühne heräb die heroischen Verse der Dramen Racines 
und Corneilles erklangen? Wenn der deutsche Hochadel in 
Voltaires „Mahomet“ vom Schicksale des alten Römischen 
Reiches hören mußte, was so gut auf das neue paßte: 
Vois l'empire romain tombant de toutes parts, 
Se grand corps déchiré dont les membres épars 
Languissent disporsés, sans honneur et sans vie? 
Dem deutschen Volke aber sollte es schmeicheln und zu—⸗ 
gleich den einzigen Weg des ihm vorbehaltenen Ruhmes zeigen, 
wenn der fremde Kaiser seine literarischen Größen zu sich be⸗ 
rief, ein Zeichen des Verständnisses zugleich und herablassender 
Achtung. So sind Goethe und Wieland aus Weimar herbei⸗ 
geholt worden, und ein magerer Orden der Ehrenlegion hat 
sie noch später an das zur Schau getragene Wohlwollen des 
Imperators erinnert. 
Aber neben der Leitung und Beruhigung zugleich der 
deutschen öffentlichen Meinung handelte es sich in Erfurt doch 
bvor allem darum, den Zaren Alexander zu fesseln. Es gelang 
dem Kaiser bei der bekannten Suggestibilität des leicht zu
	        
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