362 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
von Amras, erhob sich schon früh eine schlichte Kapelle als
Denkmal ihres frommen Mutes, die nun zur Wallfahrtsstätte
des Volkes, ja der Nation geworden ist.
Der Aufstand der Tiroler Bauern ist längst der Sagen⸗
bildung anheimgefallen; uralte Elemente der dichterischen
Phantasie unseres Volkes wagten sich hier noch einmal
schöpferisch in das grelle Licht neuerer Zeiten. Es ist ein für
das Wesen des Aufstandes symbolischer Vorgang. Diese
Bauern, kräftige Männer, Greise, Kinder, Krieger mit dem
Stutzen und Krieger mit Sense und Dreschflegel: haben sie für
die deutsche Freiheit gefochte? Wer möchte es annehmen!
Wie es Schiller in seinem „Tell“ geschehen läßt, daß das Volk
sich erhebt vor allem für Weib und Kind, für die Grundfesten
alles gesitteten Daseins, so sind auch die Tiroler für die Ele—
mente ihres Lebens, für Glaube und Kirche ihres Dorfes und
ihre Hofgemeinde, für ihr Haus und ihren Hof und erst im
weiteren Sinn für das doch immer noch so enge Vaterland
ihres Stammes in den Tod gegangen. Gefühle der Urzeit
gleichsam, da der Mensch hinaufgreift zu den uranfänglichen
Rechten jeder Menschlichkeit, waren es, die sie bewegten: fern
und jenseits ihres Horizontes lag ihnen wenigstens anfangs
noch sogar das ganze Österreich, ferner und niemals in vollem
Licht eines politischen Verständnisses das Schicksal der Deutschen
überhaupt.
Dennoch: ungeheuer war die Wirkung ihres Widerstandes,
soweit die deutsche Zunge klang. Denn mochte man die Ideale
noch so hoch suchen und die Ziele einer patriotischen Be⸗
freiung noch so weit: immer fußte man doch wieder auf jenen
elementaren Empfindungen des Tirolers für Weib und Kind,
aus denen Klänge früher Zeiten halb verweht und darum um
so ergreifender an das Ohr der Gegenwart schlugen: und der
Ton des Tiroler Aufstandes ward zum Grundton auch der
großen Jahre der nationalen Befreiung.