Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 21
europäischen Zustände wollte es scheinen, als ob es in
diesen Ländern keinen Übelstand gäbe, der sich nicht auf die
Monarchie zurückführen ließe, und nichts Gutes, dessen Ur—⸗
sprung sich nicht aus den feinen Wurzelfasern eines wachsenden
Republikanismus herleiten lasse: womit das neue Geistesleben,
der beginnende Demokratismus des 19. Jahrhunderts ge⸗
meint war!.
Die politische Anschauung aber, die sich in den Kreisen
der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges gegenüber
diesen öffentlichen Zuständen Deutschlands zunächst erhob,
war republikanisch, ja mehr noch, sie ging bis zum An⸗
archismus.
Dabei waren indes diese radikalen Ans chauungen von vorn⸗
herein durch einige Schranken und Hemmnisse. so begrenzt und
temperiert, daß sie schon in sich, vom Standpunkte des Be⸗
stehenden aus, etwas Ungefährliches und damit freilich auch
Wirkungsloses erhielten. Politischer Radikalismus wird, wenn
praktisch gemeint, zumeist mit einem Radikalismus der Welt⸗
anschauung überhaupt — und das hieß in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts mit Materialismus — Hand in Hand
gehen. Von solch einer Kombination nun waren die deutschen
Empfindsamen, ja auch die Stürmer und Dränger weit ent—⸗
fernt; sie waren wohl Sensualisten, und in dieser Richtung
sind ein Friedmann, Tetens, Lambert, Sulzer stark durch den
englischen Sensualismus, insbesondere Hartley angeregt worden;
als bedeutender Materialist aber läßt sich höchstens Michael
Hißmann (17521784) bezeichnen. Des weiteren bedurfte es
zum praktischen Anarchismus wenigstens unter den Verhält⸗
nissen des 18. Jahrhunderts, vielleicht auch schon zum
Republikanismus, einer gewissen Verbissenheit. Von dieser
aber, überhaupt von jedem Pessimismus blieb die Zeit himmel⸗
weit entfernt. Nach Weltanschauung wie Lebensgrundsätzen
war sie vielmehr optimistisch: man glaubte nicht mehr an Erb⸗
sünde und sittliche Verworfenheit von Grund aus; man sah
Jefferson an Washington, Mai 1788.