Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

372 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
Indes wie rasch nahte die Zeit, da all diese noch zarteren 
und gleichsam verwickelteren Empfindungen Urgefühlen zu 
weichen begannen: Affekten einfachster Vaterlandsliebe, Affekten 
des Hasses und der Verzweiflung, Affekten endlich einer in 
höchste Steigerungen hinein verlaufenden Frömmigkeit, in deren 
Glut alle großen und herben Empfindungen, Christentum, 
Deutschtum, Ehrgefühl, Freiheitsliebe, in einen einzigen letzten 
Ruf zusammenloderten, in den Ruf der Rache. 
Der eigentlichen, höchsten Sänger der Freiheitskriege sind 
drei gewesen: Heinrich von Kleist, Ernst Moritz Arndt. Theodor 
Körner. 
Der unglücklichste und größeste zugleich unter ihnen war 
Kleisti. Ausgestattet mit dem ganzen Können des Tragikers, 
voll all der rücksichtslosen Offenheiten eines wahren Genies 
hatte er eine trostlose Jugend verlebt, aus deren Peripetien 
nur eines unverletzt hervorging: die Liebe zum Vaterland. 
„Niemals, wohin ich mich auch, durch die Umstände gedrängt, 
wenden muß, wird mein Herz ein anderes Vaterland wählen 
als das, worin ich geboren bin“, schrieb der Dichter am 
22. Dezember 1807 an den Freiherrn vom Stein. Kleist ist der 
—D 
überhaupt erzeugt hat. Was aber war Brandenburg-Preußen im 
Jahre 1808? Kleist mußte im Jahre 1809 Hsterreich aufsuchen, 
um brandenburgisch zu sein, um gegen Napoleon zu kämpfen. 
Und dann, lange noch vor dem Völkermorgen des Jahres 1813, 
ist er, am 21. November 1811, durch eigne Hand gefallen. 
Doch war er vorher, nach unreifen Anfängen, in den Formen 
einer damals unerhört neuen Poesie der Verkünder wütendsten 
Hasses gegen das Franzosentum geworden in seiner „Hermanns⸗ 
schlacht“, und in seinem „Prinzen von Homburg“ der echte 
Dolmetsch brandenburgischen Wesens und der Prophet preußi⸗ 
scher Größe. Aber das Unglück, das des Dichters Person ver⸗— 
folgte, heftete sich auch an seine Taten: erst nach den Freiheits⸗ 
kriegen sind beide Dramen bekannt geworden. Um so mehr gilt 
S. schon Band VIII, 2, S. 484 f.
	        
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