374 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Welch anderes, noch glücklicheres Los vielleicht ward aber
Theodor Körner zuteil! Gewiß, auch er hat die dumpfe Ver—
zweiflung der Jahre 1809 bis 1812, wenn auch jugendlichen
Herzens, gefühlt:
Ach, was hilft's, daß ich den Schmerz erneue?
Sind doch alle diesem Schmerz vertraut!
Deutsches Volk, du herrlichstes von allen,
Deine Eichen steh'n, du bist gefallen!
Allein aufgezogen in geordneten Verhältnissen, dem
Dichter des Tell nicht bloß als Nachahmer, sondern in der
bewundernden Freundschaft seines Hauses und seiner Familie
verwandt und verbunden, früh entwickelt, von leichtem Flusse
der Produktion, auf der Höhe vielleicht schon seines Könnens,
selbst vom Feinde gepriesen, durfte er den schönen Tod des
Reiters sterben im Dienste des Vaterlands. Und ein Lieb⸗
ling der Jugend, und doch auch den Kreis der Männer er⸗
schütternd mit seinen letzten, in der Not des Kampfes gereiften
Liedern, lebt er von allen Dichtern des Großen Krieges heute
vielleicht am meisten fort, ein Ideal eines deutschen Jünglings,
ein Sänger zugleich und ein Held.
Aber die Zeit des Kampfes selbst hat dann auch noch
andere Sangesweisen und Dichtercharaktere hervorgebracht:
Männer, denen schwache Gesundheit die Teilnahme am Kriege
verwehrte oder doch wenigstens hätte verwehren sollen: Geister
von umfassenderer Anlage der Produktion, die nur die Not
des Vaterlandes in dieser Zeit gerade auch auf den militärischen
und politischen Kampfplatz trieb: Dichter, die schon wieder
mehr in dem allgemeinen Fluß der literarischen Entwicklung
standen und darum auch deren jüngster Phase stärkere Zu⸗
geständnisse machten, der Romantik.
Von ihnen war der gewaltigste wohl und auch gewalt⸗
samste Friedrich Rückert.
Was schreibest Dichter du? „In Glutbuchstaben
Einschreib' ich mein' und meines Volkes Schande,
Das seine Freiheit nicht darf denken wollen!“