376 Dreiundzwanzigftes Buch. Viertes Kapitel.
Ein Morgen soll uns kommen.
Ein Morgen, mild und klar:
Sein harren alle Frommen,
Ihn schaut der Engel Schar.
Bald scheint er sonder Hülle
Auf jeden deutschen Mann,
O, brich du Tag der Fülle,
Du Freiheitstag, brich an!
Im raschen Zuge haben wir die Entwicklung der Dichtung
der Freiheitskriege begleitet von den Anfängen, da Freiheit
nichts bedeutete'als äußere Befreiung und Sieg über den ein—
gedrungenen Feind, bis zu den Tagen, da das Wort leise
schon einen anderen Sinn zu erhalten begann: den Sinn innerer
Freiheit, der Freiheit verfassungsmäßiger Entwicklung. Und
leicht haben uns die Worte der Dichter von dem einen, kriege—
rischen Pole bis zu dem anderen, staatsmännischen, herüber
getragen.
Aber nicht so schnell folgte dem leicht beschwingten Ge—
danken die Tat. Was war schließlich all das nächste Ergebnis
des Kampfes Hfterreichs, des Tiroler Aufstandes, der Rebellionen
einzelner Personen und einzelner Heeresteile in Mitteldeutschland
gewesen? Für den, der auf die Gegenwart und nur sie allein
sah, bestand die Napoleonische Zwingherrschaft unerschüttert
fort. Und so edle Keime dem Boden einer künftigen Freiheit
anvertraut waren: der Staatsmann und auch der Feldherr
schien, ehe er seinerseits ans Werk ging, geduldig zuwarten
zu müssen, daß sie aufgingen und Frucht trügen hundertfalt.
Es ist der Zusammenhang, der Preußens Haltung in
diesen Tagen vielleicht verständlich macht!.
Die Stellung Preußens und König Friedrich Wilhelms III. ins-
besondere in dieser Zeit, namentlich aber von Ende 1811 bis Frühjahr
1812, wie wiederum von Ende 1812 ab ist bekauntlich Gegenftand der
verschiedenartigsten Betrachtung und Kritik gewesen: und das Bekannt—
werden jeweils neuer Quellen wie der Eintritt neuer Temperamente in die
historische Arbeit hat fast regelmäßig auch neue Ansichten zur Folge
gehabt. Im ganzen scheint dabei zweierlei übersehen zu sein: einmal, daß
eine feste Deutung der auf den König bezüglichen Quellenstellen nicht mög⸗