378 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
über Pommern nach Ostpreußen zu flüchten. Es schien wie
der Krieg am nächsten Tage; bei den regulären Truppen war
alles bereit. Und inzwischen hatte Gneisenau auch den vollen
Plan einer Volkserhebung bis hinab zum letzten Manne des
Landaufgebotes entworfen! Die Befehle lagen bereit; ein Wort
des Königs, und der Sturm brach los.
Aber Friedrich Wilhelm zauderte. Und mit ihm der
Staatskanzler Hardenberg. Wäre es nicht doch vorzuziehen,
sich mit den Franzosen zu vertragen? Während des Frühjahrs
1811 machte Fürst Hatzfeldt im Auftrage Hardenbergs in Paris
entsprechende Anträge. Aber vergebens. Gewiß war Preußen
damals dem Korsen schon verdächtig. Aber eine verschärfte
Kontrole über die Regungen und Rüstungen in seinem Innern
schien für den Augenblick genügend.
Die Lage, die durch die Pariser Abweisung geschaffen
war, konnte von der Kriegspartei benutzt werden, um den
König vorwärts zu drängen. Allein Friedrich Wilhelm ver⸗
mochte sich die Aufnahme des Kampfes durch Preußen allein
doch nicht vorzustellen: — denn er verabscheute den Volks—
krieg. So waren denn Bundesgenossen zu suchen; und da lag
weitaus am nächsten der Gedanke an Rußland. Im Herbst
1811 ging Scharnhorst im tiefsten Geheimnis, unter falschem
Passe, an den Hof des Zaren. Und er wurde günstig auf⸗
genommen. Der Zar war bereit, bei einer wesentlichen Er⸗
weiterung des französischen Druckes auf Preußen in den
Krieg einzutreten; und schon wurden die Grundzüge eines
künftigen Feldzuges vereinbart. In froher Stimmung kehrte
Scharnhorst zurück; jetzt schien es an rascher Tat nicht fehlen
zu können.
Allein am preußischen Hofe erwartete ihn die vollste Ent⸗
täuschung. Der König, der trotz Scharnhorsts Sendung die
Verhandlungen mit Paris hatte fortführen lassen, war jetzt
wieder einmal anderer Ansicht geworden. Er traute Rußland
nicht; er traute noch weniger den elementaren Kräften seines
Volkes. Wie wolle man gegen Frankreich aufkommen? Als
Napoleon die Entlassung der Krümper, überhaupt die Ein⸗