Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 23
hervorgehen könnten!. Es ist die Zeit zugleich der Entwick—
lung einer periodischen Presse sozialer Belehrung und Hilfs⸗
bereitschaft, wie sie in den Intelligenzblättern der fünfziger
und namentlich der sechziger Jahre entstand, innerlich in An⸗
snüpfung noch an Bücher wie Wolffs „Vernünftige Gedanken
von der Menschen Tun und Lassen“ (1720) oder Gottscheds
„Erste Gründe der gesamten Weltweisheit“ (1734), auch wohl
Gellerts „Moralische Vorlesungen“ an der Leipziger Universität.
In ihrem Sinne, aber über die vorhandenen Durchführungen in
seinen Zielen mehrfach hinausgehend, hat Abbt dann im Jahre
1760 von den deutschen Schriftstellern eine politische Literatur
im Sinne der Volksbelehrung gefordert: „Fur den Bürger,
für den Bürger!“ rief er allen Literaten zu und wies dabei
auf das Beispiel der Schweiz hin.
Es war einer der frühesten Synkretismen zwischen Sub⸗
jektivismus und Aufklärung; als bezeichnendster Vertreter ihrer
späteren, höchsten Durchbildung erscheint Möser in seinen
„Patriotischen Phantasien“, wenn sich auch bei ihm, als einem
Vertreter der regierenden Klasse der Zeit, noch andere Ten⸗
denzen einmischen. Die Durchbildung aber, die die ganze
Richtung in der Presse gefunden hatte, wurde seit den acht⸗
ziger Jahren durch eine höhere Form der politischen Presse
abgelöst, der z. B. Schlözers „Staatsanzeiger“, Karl Friedrich
von Mosers „Patriotisches Archiv“ und das „Journal von
und für Deutschland“ angehörten.
Wie tief und weit diese ersten sozialen Anregungen schon der
Empfindsamkeit gewirkt haben, ist nicht leicht zu sagen. Gering
war ihr Einfluß gewiß nicht, so schwer er sich in Erscheinungen
wie der Abnahme des Verkaufs von Leibeignen seit etwa 1780
oder in den sozialen Reformgedanken des Adels, z. B. in Holstein
und Livland, wird unmittelbar nachweisen lassen. Wenn aber
das Jahrhundert zusehends „menschlicher“ wurde, wenn das
Strafrecht humanere Anschauungen aufnahm, wenn man den
Vgl. z. B. den Artikel eines österreichischen Beamten im „Journal
don und für Deutschland“ 1785, 3. Stück, S. 277 ff.