388 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Wagram, den Kaiser Napoleon auf dessen Wunsch ver—
treten hat.
Es war ein Ereignis, das allerdings Österreich auf lange,
wenn nicht für immer auf seiten Frankreichs zu fixieren schien.
Aber Dank dessen hat Metternich von Napoleon einstweilen
nicht gehabt, so stark er es erwartete. In der Hauptstadt und
im Lande wurde die Veräußerung der Erzherzogin mit ziem—
lichem Gleichmut aufgenommen; in den Kreisen, mit denen der
leitende Staatsmann noch am ehesten zu rechnen hatte, in den
Zirkeln des hohen Adels, mit seinem gegenüber Mißheiraten
damals noch stark ausgeprägten Standes- und Ehrgefühl, be—
gegnete sie Befremden und Tadel. Vor allem aber: wenn
Metternich geglaubt hatte, Napoleon gelegentlich seiner Heirat
zu irgendeinem Geschäft über den Status des Wiener Friedens
hinaus zu bewegen, so sah er sich bitter enttäuscht; nichts
dergleichen geschah — was dann später dem österreichischen Hofe
Anlaß zur Betonung der Reinheit seiner Absichten gegeben
hat —: und nur das eine stand jetzt fest, daß der alte führende
Staat des Heiligen Römischen Reiches für Schritte zur Be—
freiung der deutschen Nation von ihrem Bedrücker einstweilen
und vielleicht auf Jahre hin nicht zu haben sei.
Das alte Heilige Reich deutscher Nation! Wie wenig
mag Metternich noch daran gedacht haben! Es gehörte nicht
zu den Ausstattungsstücken seiner konservativen Rumpelkammer:
denn mit ihm, mit seiner verklärten Wiederkunft verbanden sich
jetzt Gedanken froher Hoffnung, nationale Gedanken, revolu—⸗
tionäre Gedanken. Und mitleidlos, ja mehr noch: gedankenlos
verkaufte Osterreichs Kanzler die Erstgeburt der Habsburger
um das Linsengericht einer lächerlichen Geschlechtsverbindung.
Für Deutschland war freilich das Ergebnis der Lage im
Frühjahr und auch im Herbste 1810 und noch darüber hinaus
glatt: Preußen und Österreich gerettet, aber auch gerichtet;
und keine Hilfe von keiner Seite.
Im System der Politik Napoleons aber hieß diese Lage:
Krieg und Unterdrückung den Flügelstaaten des europäischen
Systems, Spanien und Rußland.