390 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
Genüge erkannt haben, um zu sehen, daß er seiner für die
Durchführung der Grundzüge einer englandfeindlichen Politik
nur bei beständiger persönlicher Einwirkung sicher sein werde;
zudem mußte ihn die Zurückhaltung Rußlands in der da—
mals zuerst ernster aufgeworfenen Frage einer nunmehr für
ihn standesgemäßen Heirat verletzen. Doch muß anerkannt
werden, daß, bei Durchführung der Idee der Kontinental—
sperre, eine Beherrschung Rußlands oder wenigstens großer
Teile der äußeren Politik Rußlands durch Napoleon unver⸗
meidlich erschien; und daß, wenn der Zar, wie natürlich, eine
solche Bevormundung nicht zuließ, der Kriegsfall wie ein
Fatum gegeben war. Und Napoleon scheint nach AÄußerungen,
über die freilich erst aus späterer Zeit berichtet wird, schon
sehr früh unter der klaren Vorstellung dieses Zusammenhanges
gestanden zu haben.
Jedenfalls wurde das Verhältnis beider Kaiserreiche zuerst
an den Differenzen der beiderseitig eingeschlagenen Zollpolitik
offenkundig schwierig, nachdem vorher schon die verschieden⸗
artige Auffassung des endlichen Schicksals Polens Anlaß zu
Auseinandersetzungen und verstimmenden Handlungen gegeben
hatte.
Als sich, wie leicht vorauszusehen gewesen wäre, heraus⸗
stellte, daß sich die volle Handelssperre gegen England schon
deshalb nicht durchführen ließ, weil die französische Industrie
bielfach auf die Veredlung kolonialer Rohprodukte angewiesen
war, und daß weiterhin unter der Sperre auch der französische
Export empfindlich litt, ersetzte Napoleon das System des
absoluten Sperrgebotes durch ein System von Lizenzen, wo⸗
nach gegen Erlaubnisscheine Kolonialprodukte eingeführt und
französische Fabrikate ausgeführt werden durften. Natürlich
aber nicht unter englischer Flagge; die Häfen wurden vielmehr
nur Neutralen geöffnet. Allein nun war es klar, daß sich mit
einer solchen Abschwächung des Handelsverbotes ohne weiteres
ein höchst ergiebiges Finanzzollsystem verbinden ließ; es wurde
schon durch den Tarif von Trianon, vom 5. August 1810,
eingeführt und brachte bei Zöllen, die bis zu 30 Prozent des