396 Dreinndzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
sich kreuzten, großer Abendempfang gehalten wurde, rief der
Türhüter die Namen und Titel der Fürstlichkeiten und Regenten
nach herkömmlichem Zeremoniell in den Versammlungssaal.
Da hieß es: ‚„Leurs Majestés le roi et la reine de dSaxe,
Leurs Majestés Impériales et Royales Apostoliques, da
—E
folgte eine kleine Pause, die ganze Versammlung harrte auf
den Meister. Zwei Schläge mit dem Stocke des Zeremonien⸗
meisters, die Türe öffnete sich, ‚L'Empeéreur‘ betritt den Saal,
neigt den Kopf in die Runde, richtet einige Worte an diesen
und jenen und begibt sich dann in den Speisesaal: Er allein
bedeckten Hauptes voran, nach ihm Kaiser Franz mit seiner
Tochter, die Könige und Großherzoge, sämtlich den Hut in
der Hand“!
Zum Kampfe gegen Rußland hatte Napoleon eine Armee
zusammengebracht, deren Ziffern auch jetzt noch, in unserer
Zeit der Massenheere, den Eindruck des Ungeheuerlichen machen;
zumal es sich bei ihnen um Effektivbestände, nicht um jene
Rechnungsbestände handelt, mit denen man heute für den
Kriegsfall auf Papier und Karte zu operieren pflegt. Im
ganzen waren es gegen eine halbe Million Krieger, die zunächst
ins Feld gestellt wurden; gegen Ende Juni haben sie die
Grenze Rußlands überschritten. Dann sind noch über hundert⸗
tausend Mann an Nachschüben gefolgt: so daß die Gesamt—
summe auf etwa sechsmalhunderttausend Mann stieg. Es war
die Blüte der europäischen Jugend. Nicht zum geringsten aber
fanden sich in diesen Heeressäulen Deutsche aller Stämme zu—
sammen. „Nie zuvor,“ hat Moltke einmal gesagt, „in zwei
Jahrtausenden, seit man die deutsche Geschichte kennt, waren
alle Deutschen Einem fremden Willen unterworfen gewesen.
Nie hatten uns die Römer ganz bezwungen; selbst Attila hatte
nur einen Teil der Deutschen unterworfen, die anderen stritten
unter unabhängigen Fürsten gegen ihn und besiegten ihn. Erst
mvon Zwiedineck-Südenhorst, Deutsche Geschichte 1806—1871, J,
5. 281-82.