Die Freiheitskriege: 1809, 1815.
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In Europa hatte inzwischen Totenstille geherrscht. Man
hatte nichts erfahren als amtliche Lügen. Und man war naiv
genug, ihren hochtrabenden Inhalt zu glauben; niemand fast
uünter den Gebildeten hat an Napoleons Sturz gedacht. Nur
in den Tiefen der Nationen ging ein Murmeln. Was hatte
der furchtbar blutige Komet des Vorjahrs, der den herrlichen
Elfer reifte, zu bedeuten gehabt? Sollte die alte Weisheit
der Prophezeiungen zuschanden werden? Die Vorahnung eines
ungeheueren, eines namenlosen Unglücks verbreitete sich.
Aber Napoleon selbst war schließlich fast der erste sichere
Bote dessen, was geschehen war. Am 4. Dezember hatte er
die jammervolle, auf ein paar Zehntausende von Mannschaften
zusammengeschmolzene Armee seiner nächsten Umgebung ver—⸗
lafsen. Am 12. Dezember erschien er, ein unheimlicher Spuk,
in Glogau und erzählte lächelnder Miene das Unglaubliche.
Am 18. Dezember erreichte er die Tuilerien; am 17. Dezember
— gebracht: die Große Armee
sei vernichtet, die Gesundheit Seiner Majestät sei niemals
besser gewesen.
In Deutschland aber, da man sich langsam dessen inne
ward, das da geschehen war, beugte Mann und Weib mit frommem
Entsetzen die Kniee vor den göttlichen Lehren dieses Zuges:
Trommler ohne Trommelstock,
Kürassier in Weiberrock:
So hat sie Gott geschlagen
Mit Roß und Mann und Wagen.
Und als die trümmerhaften Gestalten der Krieger heran⸗
wankten, pflegte man ihrer: ein Zug christlichen Erbarmens
mit den Unglücklichen ging als ein Erstes durch deutsche Seelen.
Dann aber, da es an sich zu denken begann, schrie alles
Volk auf gegen den Gezüchtigten des Herrn, gegen den Ver—⸗
brecher. Und entschlossen fuhr die Nation auf zur Rache, und
wäre es um den Preis eigenen Untergangs.
Die Uhr hob aus; und die Stunde des Gerichtes schlug.
Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen,
Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht.