402 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
So ruhte denn das Schicksal Deutschlands nicht im
Schoße der Erwägungen und Gesinnungen seiner Fürsten, ja in
diesem Augenblicke auch noch nicht einmal bei dem viel tausend⸗
stimmigen Chore der kriegswilligen Massen seines führerlosen
Volkes: sondern war in den Herzen der wenigen tapferen
Patrioten beschlossen, denen Gelegenheit gegeben war, in den
Gang der Diplomatie einzugreifen. Vor allem im Herzen des
Reichsfreiherrn vom Stein.
Stein hatte um diese Zeit längst das Programm fest⸗
gestellt, nach welchem seiner Ansicht nach zu handeln war.
Seine Denkschrift vom 17. November, an den Zaren gerichtet,
forderte unbedingte Fortsetzung des Krieges bis zur Vernichtung
der napoleonischen Übermacht und in deren Interesse Vorgehen
auch gegen Deutschland selbst, damit es im Aufgehen in das
große Ziel der Befreiung einer neueren inneren Freiheit teil⸗
haftig werde. Seine Einwohner sollten beim Einmarsch der
russischen Befreier und ihrer etwaigen Verbündeten geschont
und müßten gegen den gemeinsamen Feind in Tätigkeit gesetzt
werden; die Regierungen aber würde man überwachen, leiten,
in gewissen Fällen sich ihrer bemächtigen müssen. „Man muß
den festen Willen aussprechen, die Unabhängigkeit Deutschlands
herzustellen, den Rheinbund zu vernichten, und man wird alle
Deutschen einladen, sich zur Eroberung ihrer Freiheit mit den
verbündeten Heeren zu vereinigen .... Diejenigen Fürsten,
welche sich der allgemeinen Sache anschließen, müssen dann die
Aufrichtigkeit und Beharrlichkeit ihrer Gesinnungen dadurch ge⸗
währleisten, daß sie sich nur mit wohldenkenden Männern um—
geben und ihre Streitkräfte in die Hände der Verbündeten
geben, welche zugleich die Länder der Napoleon etwa anhäng⸗
lich bleibenden Fürsten in Besitz nehmen und verwalten werden.
Man darf hoffen, daß Österreich und Preußen auf ihren
wahren Vorteil hören werden, sobald die Annäherung der
russischen Heere gegen ihre Grenzen ihnen Halt und Schutz
gegen Napoleons Unterdrückung gibt .... Die übrigen
deutschen Fürsten werden länger zaudern, sich von ihrem
Tyrannen loszureißen, weil die Furcht zu tief eingewurzelt ist