Die Freiheitskriege: 1809, 1818.
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in ihren durch den Druck und das Gefühl ihrer Schwäche
herabgewürdigten Seelen. Finden sich diese Voraussetzungen
durch die Ereignisse gerechtfertigt, so wird man besonders bei
dem König von Preußen darauf dringen, daß er sein Mini—
sterium und seine Umgebungen aus Männern bilde, welche die
Reinheit ihrer Grundsätze und die Kraft ihrer Charaktere erprobt
haben, daß er ein Ministerium aus dem Präsidenten von Schön,
General von Scharnhorst und dem ehemaligen Minister Grafen
von Dohna zusammensetze; daß er diesen feigen und verächt—
lichen Haufen entferne, der, weit entfernt, ihn gegen die
Schwäche zu hüten und zu stählen, dieser unglücklichen Anlage
nachzugeben hinzieht, und daß er dadurch den Verbündeten,
welche ihn schützen und stützen, eine Gewähr seines politischen
Betragens gebe. Was die übrigen deutschen Fürsten betrifft,
so haben sie — was auch ihr Betragen sein mag, sei es, daß
sie sich widersetzen oder sich sogleich unterwerfen — kein Recht,
die Beibehaltung oder Wiederherstellung ihrer Oberherrlichkeit
zu verlangen ... Selbst die vertriebenen Fürsten haben kein
Recht, ihre Wiedereinsetzung zu verlangen, da es ausschließlich
von den verbündeten Mächten abhängt, welchen Gebrauch sie
von ihren Erfolgen machen wollen, wenn sie die Franzosen
aus Deutschland gejagt haben.“
Es ist das Programm eines freien, aber staatserhaltend
gesinnten deutschen Mannes, dessen Vorfahren von frühen
Ahnen her selbst in bescheidenem Kreise und Sinne selbständig
regiert hatten: es ist das Programm eines Patrioten. Und
was mehr war: Stein wußte den Zaren für eben dies Pro—
gramm zu gewinnen. Und so schien es denn so weit, daß
Deutschland das Geschenk seiner Freiheit, der innern wie äußern,
aus der Hand des Selbstherrschers aller Reußen empfangen
sollte.
Aber schon die Hoffnung Steins, daß Preußen und Hster⸗
reich sich dem russischen Vorgehen anschließen würden, traf nicht
zu! Gegenüber dem Angebot des Zaren, ihm die Grenzen
Preußens vor 1806 zu gewährleisten, flüchtete Friedrich Wil—
helm III. mißtrauisch in die Arme Metternichs!
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