104 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
Da wurde dem schalen Treiben der Diplomatie der
deutschen Mächte, das sich in dieser Zeit ausnimmt wie tän—⸗
delndes Spiel geistig Minderbegabter unter dem Wüten von
Hagel und Donnersturm, noch ehe es sich ganz zu jenen Aus⸗
wüchsen entwickelt hatte, von denen soeben berichtet wurde, ein
Ende gemacht durch unerhörte Vorgänge im Bereiche des letzten
Hortes aller preußischen Unabhängigkeit, an einer Stelle, die
das Herz des Kriegerstaates selbst ausmachte, in den Reihen
des Heeres.
Die beiden Divisionen, die Preußen zu der Großen Armee
zu stellen gehabt hatte, waren dem linken Flügel dieser
Armee eingeordnet worden und, nur den Gefahren — und der
Schulung — kleiner Gefechte ausgesetzt, verhältnismäßig gut
erhalten geblieben; jetzt standen sie unter dem Kommando des
Generals von NPVorck in Kurland.
Dabei war Porck schon seit Ende September wiederholt
von russischer Seite her der Vorschlag gemacht worden, er
möge den französischen Heeresverband verlassen und zum
russischen übertreten. Aber Yorck hatte abgelehnt. Er hatte
darüber auch nach Berlin berichtet und um Verhaltungsbefehle
nachgesucht, war aber, absichtlich, ohne bestimmte Weisungen
gelassen worden.
Die an sich höchst unklare Lage, die auf diese Weise ge—
schaffen worden war, wurde aber von der zweiten Dezember⸗
woche 1812 ab noch verantwortungsreicher. Denn jetzt nahten
allmählich versprengte Teile des Zentrums der Großen
Armee den Standquartieren des NYorckschen Korps; der Rück⸗
zug und Untergang der Großen Armee ließ sich nicht mehr
leugnen; es mußte mit ihm gerechnet werden: und das hieß
für den Oberbefehlshaber der linken Flügelarmee, Macdonald,
auch seinerseits Rückzug. Auf diesem Abmarsche aber, der auf
Tilsit ging, hatten jetzt die Preußen unter Yorck die Nachhut;
und bald zeigte es sich, daß die Russen den nicht mehr ab—
wendbaren Versuch machten, sich zwischen das Korps Yorcks
und die Haupttruppen Macdonalds einzudrängen und so die
Preußen von den Franzosen zu trennen.