Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

426 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
mit den feindlichen Armeen verloren. Er hatte noch weniger 
als von dem Charakter und der Masse der gegnerischen Heere 
eine Vorstellung von den Kräften des nationalen Fanatismus, 
auf deren von Stunde zu Stunde fast steigenden Widerstand er 
stoßen mußte. Er sah nur die Schwierigkeiten im eigenen, nicht 
die wachsenden Kräfte im anderen Lager und setzte eine Zunahme 
der gleichen, wenn nicht größerer Beschwernisse auch in diesem 
voraus. Unter diesen Umständen schien es ihm für sich noch 
mehr als für die Verbündeten von Vorteil, wenn er Zeit zur 
Verstärkung und festeren Organisation seiner Streitkräfte ge— 
wänne. Dies mögen etwa die Erwägungen gewesen sein, aus 
denen heraus, soweit Napoleons Initiative in Betracht kam, der 
Waffenstillstand von Poischwitz, vom 5. Juni bis zum 26. Juli, 
hervorgegangen ist, der, auch den Verbündeten, freilich aus 
ganz anderen, uns bekannten Motiven heraus angenehm, für 
alle drei Kriegsschauplätze im wesentlichen auf Grund des 
status quo in Wirksamkeit trat. 
Indem aber nun so des Krieges Sturme einstweilen 
schwiegen, trat die Diplomatie wieder stärker in Wirksam— 
keit, und damit ihr damals schon anerkannter Kleinmeister, 
Metternich. 
In der Tat: konnte es für den Metternichschen Gedanken 
einer allgemeinen Vermittlerstellung Österreichs eine bessere 
Wendung geben, als die zum Waffenstillstand? An den Ver—⸗ 
handlungen von Poischwitz hat sterreich das regste Interesse 
genommen. 
Im übrigen war Metternich schon die ganzen Monate des 
Krieges hindurch im Sinne seiner Vermittlungsidee tätig ge— 
wesen. Und wir wissen, was deren Ziel war: ein womöglich 
dem Kriege fern bleibendes, wenn auch bis zu den Kosten einer 
bewaffneten Vermittlung fortschreitendes Osterreich: ein Kaiser⸗ 
tum der Habsburger, dem nach allem Zwiste unter Aufrecht⸗ 
erhaltung der Schwäche Deutschlands und unter Unterdrückung 
der deutschen Freiheitsbestrebungen auch im Innern die leichte 
Hegemonie mindestens Zentraleuropas, wenn nicht des kontinen⸗ 
talen Europas überhaupt zufallen sollte.
	        
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