Die Freiheitskriege: 1809, 1815. 427
Mit leiser Andeutung dieser Ziele, soweit sie russische
Ohren nicht zu sehr verletzten, hatte Metternich seinen diplo⸗
matischen Feldzug beim Zaren als der am leichtesten zu über—
redenden Persönlichkeit unter den leitenden Männern begonnen.
Es war nach der Proklamation von Kalisch geschehen, in der
sich der Zar für ein verjüngtes Deutschland verbürgt hatte,
das lebenskräftig und „in Einheit gehalten“ aus den kommenden
Kämpfen hervorgehen sollte.
Und nichts hatte den Zaren schließlich gehindert, sich den
Ideen Metternichs hinzugeben. Aus welchen Gründen, ist
weniger zu wissen als zu erraten. Er mochte sich österreich
entgegenkommend zeigen wollen, um es zum Eintritt in den
Kampf zu veranlassen. Er mochte sich das Reich der Habs⸗
burger geneigt erhalten wollen, damit es beim einstigen
Friedensschlusse seinen Idealen einer Herrschaft über Polen
nicht entgegentrete. Wie dem auch gewesen sein mag: am
30. März 1818, unmittelbar nach der Kalischer Konvention
und Kutusows Aufruf an die Deutschen!, konnte der öster⸗
reichische Gesandte aus Kalisch an Metternich melden: „Indem
die Verbündeten sich vorbehalten, auf den Norden Deutschlands
einzuwirken, überlassen sie Hsterreich alle Höfe des Südens —
der Kaiser Alexander, der ganz auf unsere Absichten eingeht
und Ihrer Weisheit vertraut, läßt dem Kaiser von Hsterreich
freie Wahl hinsichtlich der Formen, die er Höfen gegenüber
für die passendsten erachten wird, deren Interessen und Stim⸗
mungen er besser als irgend jemand kennen muß.“ Es war
der klare Abfall von dem großen gemeindeutschen Programm
des Freiherrn vom Stein; es war ein unmißverständliches
Eingehen auf die, freilich vor allem am preußischen Hofe ein—⸗
genistete und von dessen Staatsmännern vertretene Idee
einer Zweiteilung Deutschlands in eine nördliche preußische
und eine südliche österreichische Einflußsphäre; es war in ge—
wissem Sinne das Ende schon eines einigen Deutschlands.
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