Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

454 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
leons überhaupt den Vorrang vor der Arbeit, die der Regelung 
der deutschen Verhältnisse zufiel. 
Dabei war man aber weit davon entfernt, eine kräftige 
Initiative zu entwickeln. Nach der Schlacht bei Leipzig hatten 
sich wohl Stein und Gneisenau auf dem Leipziger Marktplatze 
getroffen und sich die Hand darauf gegeben, dieser Feldzug 
dürfe nur mit dem Sturze Napoleons und der Wiedererwerbung 
des linken Rheinufers enden; und bald darauf hatte Ernst 
Moritz Arndt auf Steins Geheiß eine seiner eindringlichsten 
Schriften geschrieben: „Der Rhein Deutschlands Strom, nicht 
Deutschlands Grenze“. Aber schon die Stimmung am Rheine 
selbst kam diesen Wünschen wenig entgegen. Nur sehr ver— 
einzelt hat man hier schon am ersten Jahrestage der Leipziger 
Schlacht Fanale entzündet und Nonnes Strophe gesungen: 
Flamme, empor! Flamme, empor 
Steige mit loderndem Scheine 
Von den Gebirgen am Rheine. 
In der rheinischen Presse schlug fast nur der von Görres 
herausgegebene „Rheinische Merkur“ in Koblenz einen gewal—⸗ 
tigen Ton für Deutschlands künftige Größe an: sonst herrschte 
Kleinmut. Ja in Aachen erschien noch bis ins Jahr 1815 der 
„Courrier d'Aix la Chapelle“s; und das „Journal du Bas 
Rhin et du Rhin Moyen“ blieb noch lange auch in amtlichen 
Mitteilungen zweisprachig. Kein Zweifel, daß in der Masse 
der Bevölkerung die französischen Sympathien sich noch über 
viele Jahre hin erhielten, wie sie namentlich auch durch eine 
treffliche Verwaltung, in Koblenz z. B. die des Präfekten 
Lezai-Marnesia, erweckt worden waren; bis über die Mitte 
noch des 19. Jahrhunderts hinaus sind sie nicht gänzlich ver— 
stummt und haben sich innerhalb der untersten Kreise in zäher 
Legendenbildung vor allem auch unmittelbar an die Person 
Napoleons geheftet. Und wer wollte verkennen, daß sie durch 
zahlreiche und innige Verbindungen nach dem französischen 
Westen vornehmlich auch auf dem Gebiete der Volkswirtschaft 
getragen wurden? Noch nach 1870 haben ältere Vertreter
	        
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