Weitere Kämpfe geg. Frankreich; Wiener Kongreß; Beil. Allianz. 455
des rheinischen Wirtschaftslebens bei mehr unbewußter Kal⸗
kulation in französischer Sprache und nach Franken gerechnet.
Aber auch wo man an sich nicht französisch gesinnt war,
in den großen Teilen der Bevölkerung, denen aus der Zeit der
geistlichen Fürstentümer her politisches Denken und Empfinden
uͤberhaupt noch fern stand, da wollte man doch in Ruhe ge—
lassen werden und würde eine stille und aufregungslose Wieder⸗
kehr der alten Zustände jeder anderen Lösung vorgezogen
haben. Was wollte denn hier, in den kultursatten Gebieten des
Mutterlandes, am Rhein, wie vielleicht auch in Süddeutschland
überhaupt, dies starre, jakobinisch-bizarre überelbische Teutsch⸗
tum! Man war der großen Ereignisse müde; politische
Schläfsucht regte sich: wie wir später sehen werden, zugleich
als Erzeugnis der mittlerweile erfolgten Wandlungen des
nationalen Seelenlebens zur Romantik. Wie es jener Hessen⸗
bauer von der Schwalm, der über seine Meinung von der
Rückkehr seines angestammten Kurfürsten befragt wurde, klassisch
ausgedrückt hat: „Und ob er schon ein alter Esel ist, wir wollen
ihn doch wieder haben.“
Was vermochten nun die wenigen durchgreifenden Männer
gegenüber dieser Apathie und Antipathie der Massen! Und
waren sich denn die Gebildeten, die Führenden, ihrer Sym⸗
pathie mit dem Neuen so ganz sicher? Eine Diplomatie, die
mit Widerwillen und Saumseligkeit im deutschen Westen rechnete,
konnte gute Erfolge erwarten.
Nur langsam gelangten inzwischen die Truppen, wie wir
schon wissen!, aus Mitteldeutschland an die Rheinlinie. Erst
am 6. November hielt Kaiser Franz den projektierten feierlichen
Einzug in Frankfurt, nicht ohne einige Enttäuschung übrigens:
Zar Alexander war ihm mit seinem Einzuge zuvorgekommen,
um auch bei dieser Gelegenheit zu zeigen, daß er, wie einst
Arminius, haud dubie Germanorum liberator sei. In Frank—
furt aber mußte man sich nun doch entschließen, Krieg und
Verhandlung mit Napoleon ernster ins Auge zu fassen.
1 S. oben S. 442 f.