Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

472 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
war, daß Preußen nur langsam hinter das Geheimnis seines 
natürlichen Bundesgenossen kam und ihm deshalb auch nicht 
mit vollem Vertrauen zur Seite trat. 
Zur Zeit der Eröffnung des Kongresses ließ sich somit etwa 
folgende Stellungnahme der vier großen alliierten Mächte und 
Frankreichs wahrnehmen: England und österreich so gut wie 
saturiert und schon dadurch Herren der Lage; Frankreich be— 
strebt, Aufnahme unter die Großmächte zu finden und dafür 
einer freundlichen Behandlung seitens Österreichs und Eng— 
lands ziemlich gewiß; Rußland für Polen, Preußen für Sachsen 
eingenommen. Das Gleichgewicht würde unter diesen Verhält- 
nissen hergestellt oder wenigstens ungefähr erreicht worden sein, 
hätten sich Rußland und Preußen in vollem Vertrauen zu— 
einander unterstützt. 
Aber wir wissen: das war nicht der Fall. Zudem wurde 
die Lage noch dadurch akzentuiert, daß sich zwischen Metternich 
und Talleyrand bei aller Nebenbuhlerschaft um die diplomatische 
Führung doch insofern ein engeres Verhältnis herstellte, als 
beide die Rolle und Kunst der Diplomatie grundsätzlich in 
verwandter Weise auffaßten, und daß sich weiter das gespannte 
Verhältnis, welches sich zwischen Metternich und dem Zaren 
schon während des Winterfeldzuges, wesentlich aus Anlaß ver— 
schiedener politischer Anschauungen über Liberalismus und 
Legitimität entwickelt hatte, infolge von persönlichen Rivalitäten 
in der Damenwelt des Kongresses noch schärfer betonte. 
Es sind Momente von nicht ganz geringer Bedeutung, 
die uns unmittelbar der Schilderung des Kongresses selbst zu— 
führen. 
Nicht zwei Monate nach dem Pariser Frieden, wie ursprüng⸗ 
lich bestimmt worden war, sondern erst im Verlaufe des Sep⸗ 
tembers 1814 trat der Kongreß in Wien zusammen: und zwar, wie 
sich bald zeigte, nicht zu energischer und tiefgrundiger Erörterung 
und Beschlußnahme über politische Probleme, sondern weit mehr 
zur Schaustellung der so lange Zeit hindurch nicht mehr straf- und 
furchtlos genossenen Vergnügungen der aristokratischen Welt des 
Aucien régime. Diesen Charakter hatten schon die Tage und
	        
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