Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Weitere Kämpfe geg. Frankreich; Wiener Kongreß: Heil. Allianz. 478 
Wochen der Pariser Friedensverhandlungen mit ihrer leicht⸗ 
sinnigen Auffassung der wichtigsten Geschäfte getragen; dies 
war der Inhalt langer und anstrengender Festwochen in London 
und England überhaupt gewesen: jetzt kam die dritte der 
europäischen Großmächte, Hsterreich, als Gastgeberin an die 
Reihe, während das zarische Petersburg den Aristokraten des 
Westens zu fern und auch wohl zu winterlich erschien und 
man dem armen und spartanischen Preußen die monatelange 
Aufrechterhaltung einer aimablen Feststimmung weder zutraute 
noch zumuten wollte. 
Wie aber eignete sich Wien zu solch einer Gelegenheit! 
Die Stadt genoß des alten Rufes freier, ja überschwänglicher 
Gastlichkeit; in Gemütsanlage und Gesinnung ihrer Bewohner 
schienen sich südliche Sorglosigkeit und etwas doch nordisch 
überlegsames ein interessantes Stelldichein zu geben; dazu 
winkte in Tracht und Sitte, Lebensgewohnheit und Breite 
aller sichtbaren Erscheinungen die bunte Mischung von west⸗ 
licher Kultur und schon fühlbarem Einflusse des Ostens: und 
zwischen den Häusern einer behäbigen Bürgerschaft erhoben 
sich die Paläste eines reichen und noch prunkenderen Adels: 
his das Ganze in dem Hofe eines der ältesten und edelsten 
Herrscherhäuser des Kontinents seinen krönenden Abschluß fand. 
Da sollte man sich nicht die alte Sorglosigkeit der Rokokozeiten 
wieder erwerben koͤnnen? In der Stadt, in der Maria Theresia 
ꝛin gemüt- und temperamentvolles Ganzes bürgerlicher und 
aristokratischer Stimmungen, bei allem dem Hofe gebührenden 
Respekte, hergestellt hatte? Auf einem Boden, der seit lange 
der Kunst geweiht schien, auf dem wenigstens das Kunstgewerbe 
»lühte, und dem, wenn auch in einsamer Größe, Deutschlands 
herühmtester Komponist, Beethoven, angehörte, der unüber— 
roffene Meister der geselligsten aller Künste? 
Und so kamen sie denn, nicht bloß die Minister, sondern 
auch die Monarchen: vom Zaren, der in seiner geistreich 
ändelnden Weise auch gesellschaftlich die erste Rolle spielte, 
uͤber den langsamen, bescheidenen Friedrich Wilhelm von Preußen 
hinab bis zu dem letzten deutschen Potentaten, dem die Ab⸗
	        
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