174 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
gründe und Schlünde der vergangenen Jahrzehnte noch politische
Selbständigkeit oder eine mehr oder minder eitle Hoffnung auf
diese belassen hatten; ihnen schloß sich der Adel Europas und
insbesondere Deutschlands und Osterreichs an: und ein Luxus—
und Festleben durch Monate hin entspann sich, dessen Aufwand
manch edlem Geschlecht noch durch Generationen, wenn nicht
bis auf die Gegenwart in Gestalt bitterer Schulden nach—
gegangen ist. Aber auch Kaiser Franz, der allgemeinste und
oberste Gastgeber, ließ sich's etwas kosten. Er war an sich
sparsam. Aber jetzt wußte er in seiner stillen Art doch den
richtigen Ton zu finden; und überzeugt von den Pflichten
seines Hauses, vielleicht auch der Ansicht, die Kosten würden
sich schließlich diplomatisch und politisch ganz hübsch decken,
sah er nicht auf den Denar: Hoffeste, Heerschauen, offizielle
Theateraufführungen, tausend andere und verschiedenartige Re—
präsentationen drängten einander, ohne daß doch dem Einzelnen
die Bewegungsfreiheit benommen wurde.
Für! die politischen Geschäfte aber ergab sich aus alledem
mmerhin eine besondere Luft. Im Grunde kam die Diplomatie
als Ganzes nie zur Ruhe wirklich gründlicher und eingehender
Erwägungen, so fleißig auch einzelne ihrer Mitglieder arbeiten
mochten; und die Zeit, die man den Verhandlungen widmete,
diente in ihrer prickelnden Zerschnittenheit nur zu sehr einer per⸗
sönlich geführten Intrige.
Das war nun aber gerade die Atmosphäre, in der
Metternich und Talleyrand so recht auflebten; sie waren
Meister dieses Spiels; und so teilten sie sich in gemeinsamem
Zugreifen und, wo es not tat, in gegenseitiger Übervorteilung
in die Beherrschung des Kongresses. Seltsames Nebeneinander!
Und doch begründet in den Abweichungen des Wesens beider:
Talleyrand in seinem RÄußern das Gegenbild der Schönheit,
aber gerade auch daraus wieder in der Durchbildung eines echten
gesellschaftlichen Zynismus Kapital schlagend und daraufhin
auch von schönen Frauen als originell betrachtet; Metternich
der vollendete Mann von Welt, in seiner Erscheinung ansehn⸗
lich, ein Ritter von tausend Abenteuern, deren Kolportage