Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

186 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
Es war nicht eine Niederlage; es war die Vernichtung. 
Napoleon traf in der Nacht vom 20. zum 21. Juni in 
Paris ein. Aber schon ging man über ihn hinweg; die Volks⸗ 
vertretung erklärte sich zur Herrin der nationalen Schicksale 
und zwang den Kaiser, am 22. Juni, seine Abdankung zu 
erklären. Er tat es zu gunsten seines Sohnes, des Königs 
von Rom; er mochte wohl wissen, daß er damit nur eine 
Formhandlung vollzog. Die Regierung wurde von einer fünf—⸗ 
gliedrigen Kommission des Parlaments uübernommen. 
Inzwischen rückten die Verbündeten näher, am frühesten, 
mit der Richtung auf Versailles, Blücher; um zwei Tage 
später, mit der Richtung auf St. Denis und den Pariser 
Norden, Wellington. Ein Widerstand war nur denkbar, wenn 
man Paris als Festung zu halten suchte. Napoleon bot sich 
dem Lande als Diktator, als Generalissimus, als einfacher 
General an: vergebens. Dann floh er, in der Furcht, in 
die Hände Blüchers zu fallen, der sein Leben schwerlich geschont 
haben würde, nach Westen, dem Meere zu, mit dem Gedanken, 
sich nach Amerika zu retten. Am 28. Juni traf er in dem 
Hafen von Rochefort ein. Doch obwohl ihm zwei Kriegs⸗ 
schiffe zur Verfügung standen, war sein Schicksal besiegelt: die 
Engländer hüteten mit weit größeren Streitkräften die Aus— 
gänge des Hafens. Da faßte er den Gedanken, die Imagi⸗— 
nation möchte man sagen, in England als einfacher Privat⸗ 
mann zu leben, und suchte den Schutz des englischen Volkes 
auf dem Kriegsschiffe „Bellerophon“. Es ward dem Unstäten 
anders gewährt, als er erwartet hatte. Bei seiner Ankunft in 
Plymouth erhielt er die Weisung, sein Leben auf St. Helena, 
der einsamsten aller Inseln zwischen Brasilien und Afrika, zu 
beschließen. Hier landete er an einem Gedenktage der Leip— 
ziger Völkerschlacht, am 18. Oktober 1815. Bald kränkelte er 
schlimmer am Magenkrebs, einem Erbübel vom Vater her; 
wenig freundlich verliefen seine Tage unter der Obhut des 
unwirtlichen Statthalters Hudson Lowe: bis ihn der Tod am 
5. Mai 1821 abrief. 
Inzwischen aber waren die Verbündeten vollends vor
	        
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