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Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Kant würde er nicht minder abgelehnt haben. Denn Kant
war der Urvertrag eine „bloße Idee der Vernunft“; und das
öffentliche Wohl erschien ihm nicht aus der sorgsamen. Pflege
von Gesetzen hervorgehend, die ein Einziger gäbe, sondern aus
der Errichtung einer bürgerlichen Verfassung, „die jedermann
seine Freiheit durch Gesetze sichert“, und das heißt aus einer
freien subjektivistischen Durchbildung des Rechtstaats.
Friedrich hat sich zu diesem Ideale nur in den nicht
seltenen staatsrechtlichen Träumereien erhoben, deren seine
vorurteilsfreie Seele fähig war; und da mochte er wohl schon
in jungen Jahren einmal ausrufen: „Le comble de la gloire
serait de rendre la liberte à un peuple après l'avoir
84uvée!“
Kein Zweifel aber bleibt, daß auch seine praktisch be—
grenzten Auffassungen dem neuen Geistesleben innerhalb des
Beringes der absoluten Monarchie einen weiten Spielraum
sozialen und politischen Denkens eröffneten. Und nicht bloß
für Preußen! Denn schon 1775 konnte Voltaire die Be—
obachtung machen, daß Friedrich ganz allgemein der Lehr—
meister der europäischen Fürsten geworden sei. Und ein
harter Lehrmeister voll beißender Kritik und bitterer Sar—
kasmen: „Ridendo stimulat reges“ schlug ein Zeitgenosse
als passende Inschrift auf eine Denkmünze des Königs vor.
Von dieser Erziehung aber haben doch vor allem die deutschen
Fürsten Nutzen gehabt; schon das Beispiel selbst wirkte hier
auf Laien- wir Kirchenfürsten, auf Katholiken wie Protestanten,
wie ein Jahrhundert später das Beispiel Kaiser Wilbelms J.
gewirkt hat.
So war denn der Plan offen für politische Vorschläge;
das Turnier konnte beginnen. Aber wie sollten die über—
strömenden Herzen und Geister der sechziger bis achtziger
Jahre diese Vorschläge praktisch gestalten, wo den Horizont
ihrer materiellen Begrenzung finden? Chaotisch gärte es nicht
bloß in der Literatur; es sind Zeiten auch neuer wissenschaft⸗
licher Anfänge, neuer sittlicher und religiöser Sehnsucht. Noch
war die deutsche Kultur nach einem treffenden Vergleiche