Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 41
Herders jener sagenhafte Paradiesvogel, der, ohne Füße, nur
leben kann, indem er sich stets in der Höhe ätherischer Lüfte
hält. Und so gab es nichts so Abgelegenes, das nicht von
politischen Vorschlägen berüuhrt worden wäre; selbst von der
Notwendigkeit einer alsbald energisch zu entwickelnden Kolonial⸗
politik hat man gesprochen. Und so bestand nichts so Nahe—
liegendes, das man nicht mit den wunderlichsten Projekten zu
—
begann diese Literatur praktisch sein sollender Vorschläge, und
noch den schönsten, abgerundetsten und bezeichnendsten der
späteren hat ihr Urheber in richtiger Erkenntnis der all—
gemeinen Lage den Titel „Patriotische Phantasien“ ge—
geben.
Da war es denn gut, wenn wenigstens ein großes poli—
tisches Ereignis vorübergehend die Blicke zur Erde lenkte.
Und wieder war hier Friedrich der Große der Führer. Der
Siebenjährige Krieg steht vor den goldenen Tagen unserer
Literatur, aber auch unserer politischen Erhebung, wie die
Perserkriege vor dem Zeitalter des Phidias; und den Zeit—
genossen erschien es als sinngemäß, wenn Abbt in seiner Ab—
handlung „Vom Tode fürs Vaterland“ (1761), einem der schönen
Zeugnisse der gehobenen Stimmung dieser Tage, die gefallenen
Helden des Krieges mit Epaminondas heiliger Thermovylen⸗
schar verglich.
Was aber von dieser Stimmung dauernd blieb, war doch
nur ein gewisser Ernst der tatsächlichen, der staatlichen, der
territorialen Begrenzung. Und mit ihm die Besinnung auf
das Eigne, die Sammlung, ein Glücksgefühl erprobter Kraft,
der Vorsatz, etwas sein zu wollen auf dieser Erde. Es war
ein Gefühl, das auch über die preußischen Grenzen hinweg
weithin durchdrang. Es war eine Gesinnung, die sich in
manchem tüchtig regierten Territorium, zunächst auf Grund der
eigenen Entwicklung, in wenn auch abgewandelten Formen
wiederfand. Und schließlich schlugen all diese Einzelpatriotismen
zur wärmenden Flamme einer deutschen Vaterlandsliebe zu—