18 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
mit regelmäßigen politischen Artikeln, und etwa fünfzig politisch
vornehmlich nur referierende Zeitungen.
Was aber waren nun die reifsten und wesentlichsten Forde—
rungen der durch diese Presse vertretenen öffentlichen Meinung?
Auch jetzt noch darf man sich die öffentliche Meinung
gerade in den wichtigsten und allgemeinsten Fragen keineswegs
schon geklärt vorstellen. Im Gegenteil: deutlich zeigt sie noch
alle Spuren des Übergangs von dem fundamentalen Denken
eines Zeitalters zu dem eines anderen.
Darin freilich waren sich alle einig, daß es an erster
Stelle auf das Schicksal der Einzelperson im Staate an—
komme; hier trafen der Individualismus in seiner bloßen
Schätzung der Einzelperson und der frühe Subjektivismus in
seinem nächsten Bedürfnis der Emanzipation des Einzelnen
trotz der Anerkennung schon eines sozialpsychischen Hinter—
zrundes noch miteinander zusammen. Nur daß die Bedeutung
der Einzelperson doch zusehends mehr subjektivistisch gefaßt
wurde. So war man z. B. einerseits echt individualistisch
noch vielfach überzeugt, daß der Tod fürs Vaterland sittlich
nicht gebilligt werden dürfe und am wenigsten aus irgendeiner
Auffassung des Staatslebens als Pflicht resultieren könne;
anderseits aber kannte man doch schon und erlebte in sich
steigend das Gefühl der Vaterlandsliebe und prägte es zu der
Vorstellung einer besonderen, subjektiv heldenmäßigen Hingabe
an dieses Vaterland aus, die selbst bis zur Aufopferung im
Tode zu führen vermöge. Und so erkannte man denn als
politische Tugend, einen echt rationalistischen Begriff, immerhin
bereits jenen ständig mehr altruistisch gewandten Patriotismus an:
eine Wandlung, in deren Verlauf das Wort , patriotisch“, z. B. in
dem weitverbreiteten Titel der sogenannten „Patriotischen Ge—
iellschaften“, fast den Begriff „gemeinnützig“ im sozialen Sinne
annahm — wie es denn Weckherlin in seiner praktischen Durch⸗
bildung mit dem Ausdruck „bürgerlicher Sittenkurs“ umschrieben
hat. So faßte man weiter als letztes staatliches Ziel wohl
noch die Glückseligkeit des Einzelnen ins Auge, sah sie aber
gewährleistet doch nur noch in der Glückseligkeit des Ganzen.