Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 49 
Und so war in Summa die Staatsanschauung freilich noch ganz 
moralisch bedingt; aber die Voraussetzungen ihrer Verwirk— 
lichung fielen mit dem praktischen Wohl der Menschheit zu—⸗ 
sammen. 
Ein Moment, das auch insofern von hoher Bedeutung 
war, als es den theoretischen Kosmopolitismus der ratio— 
nalistischen Zeiten nicht nur beizubehalten gestattete, sondern 
zugleich im höchsten Grade belebte. Und wie unterschied sich 
dadurch doch das warme Menschheitsgefühl schon der achtziger, 
noch mehr der neunziger Jahre von dem kosmopolitischen 
Stoizismus noch der eigentlichen Aufklärung! Jetzt erst 
nahten die Zeiten des „Liedes an die Freude“: „Seid 
umschlungen, Millionen!“ Und in einer völlig neuen Ge— 
schichtsauffassung und einem neuen Völkerrecht, in einem wirk— 
lichen Menschheitsinteresse im ganzen, auf engerem Gebiete 
einem freudigen Gefühle der Solidarität aller mittel- und 
westeuropäischen Kultur wirkte sich die neue Empfindung aus. 
Dabei lag es in der Natur der Dinge, daß sich die prak— 
tische Betätigung dieser neuen Gefühle doch wesentlich dem 
Staatsinnern zuwandte; denn für die internationalen Be— 
ziehungen kannte man nur ein quietistisches Ideal, den Frieden. 
Indem man aber nach außen hin jedem Gefühle der Macht— 
volitik, wie es die jüngsten Menschenalter geprägt haben, noch 
gänzlich fernblieb, ging man auch im Innern nicht davon 
aus, in den politischen Beziehungen an erster Stelle Macht⸗ 
heziehungen zu sehen. Es ist jenes wichtige Stimmungs⸗ 
noment, das man scharf ins Auge fassen muß, will man die 
Stellung dieser Übergangszeit zu allen eigentlichen Verfassungs⸗ 
fragen, vornehmlich auch zu jenem Problem der Teilung der 
Gewalten verstehen, das spätere Geschlechter so stark bewegt 
haben. Auf diesem Gebiete war die Lage nicht die, daß man 
sich diese Fragen bewußt ferngehalten hätte; nein: man war 
noch gar nicht in der Verfassung, sie aufzuwerfen. Denn 
noch nicht das Wohl der Gesellschaft als Ganzes unter 
aktuellem, aber begrenztem Dasein des Einzelnen galt als 
Lamprecht, Deutsche Geschichte. IX.
	        
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