Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Nene Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 55 
kam nun wieder das Wirtschaftsleben weitaus an erster Stelle 
in Betracht. Sehr begreiflich: in der Glückssteigerung für 
den Einzelnen sah man das eigentliche staatliche Ziel; dies 
Ziel aber schien nirgends mehr und leichter als auf wirtschaft— 
lichem Gebiete erreichbar. Das ist der Grund, warum z. B. 
Weckherlin, unter Zustimmung Schlszers, dafür hielt, daß die 
mechanischen Kuünste achtenswerter seien als die schönen, und 
daß die Gelehrsamkeit der Okonomie nachstehe. 
Indes waren die wirtschaftlichen Ziele keineswegs die, 
welche man etwa heutzutage verfolgt: nicht Förderung der 
wirtschaftlichen Energie, sondern des wirtschaftlichen Verbrauches 
stand im Vordergrunde. Zugrunde lag dem eigentlich ein Unter— 
schied der Ziele der Regierenden, denen es auf höchste Entwicklung 
der Finanzen, also auf Wirtschaftsmacht, ankam, und der 
Regierten, die vor allem genießen wollten. Da es sich aber 
in beiden Fällen doch um Erhöhung der Mittel, die hier staat— 
licher, dort individueller Konsumtion dienen sollten, handelte, 
so fand man sich in den Einzelmaßregeln zumeist wieder zu— 
sammen. Und so sehen wir denn von den Theoretikern der 
Zeit die Zolllehren und die Produktionsanschauungen der 
regierenden Kreise nicht minder vorgetragen wie ihre Ansichten 
von einer praktischen Behandlung der Zirkulation und der 
Verteilung der Güter; und nur darin unterscheiden sich die 
Theoretiker und gehen über die Praktiker hinaus, daß sie 
hinter dem verwickelten Ganzen von Wirtschaftsleben und 
Wirtschaftspolitik langsam eine weitreichende selbständige 
Harmonie der Interessen zu entdecken glauben, die es möglich 
machen müsse, den Einzelnen wirtschaftlich selbständiger hin— 
zustellen, insofern er sich — wie die Menschen der neuen Zeit 
dies tun würden — freiwillig, selbsttätig und „gemeinnützig“ 
dem Bedürfnisse der Gesamtheit unterordne. Deutlich ist hier 
ein erstes Wehen subjektivistischen Geistes bemerkbar, und schon 
früh veranlaßte es wohl auch einige Wandlungen der her—⸗ 
kömmlichen Anschauung. So wandte man sich immer schärfer 
gegen den Fiskalismus; so bekämpfte man die übertriebene 
Populationszüchtung und die Fabriktreiberei von Staats
	        
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