Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 67
lungen von der Persönlichkeit des Herrschers abhängig macht,
wieder zu unglücklichen Tagen. Kaiser Franz II., der Nach-
folger, eine mißtrauische Natur, eingeschüchtert durch die Vor—
gänge der französischen Revolution und der napoleonischen
Kriege, welch letztere ihm als schlimmste Ausgeburt der
Freiheitsbewegung erschienen, war jeder Fortentwicklung, ja
auch nur jedem organischen Abschluß der inneren Staatskunst
seiner letzten drei Vorgänger abhold. Dazu kam, daß er, zu—
gleich Autokrat im höchsten Grade, im Grunde alles selber
machen wollte. So verknöcherte denn außer der Gesetzgebung
auch die Verwaltung; und nur in den Landesregierungen
erhielt sich, zumeist auf Grund der josephinischen Einrichtungen,
noch selbständiges Leben.
Das Unglück aber wollte, daß dieser volle Stillstand der
Entwicklung, dessen ansteckender Fäulnis allmählich selbst die
einigermaßen abgeschlossenen Bildungen aus der schönen Zeit
des 18. Jahrhunderts unterlagen, auch nach dem Tode Franzens
bis zum Jahre 1848 fortwährte. Erst die Revolution dieses
Jahres hat sterreich aus der Lethargie mehr als eines halben
Jahrhunderts und jetzt nur allzu unvermittelt und plötzlich
herausgerissen. In dem allgemeinen Verhältnis der habs—
burgischen Monarchie zu Deutschland aber war der Verlust an
Fortentwicklung während so vieler Jahrzehnte nicht mehr zu
ersetzen. —
Außer den deutschen Großstaaten des Ostens gab es
indes auf dem deutschen Boden der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts auch noch andere Gegenden und Länder, in
denen das Staatsideal der Übergangszeit, ja teilweise sogar
schon späterer Jahre eine reine Verwirklichung fand. Es waren
Stellen, wo kein starker und allmächtiger Wille, wie in Preußen
und Österreich, die Entwicklung gängelte, wo vielmehr die
Verhältnisse selbst zu einer besonders raschen sozialen Ent—
wicklung und damit hinein in die wirtschaftlichen Berufe des
Subjektivismus drängten: und wo dementsprechend fast un—
bewußt und ohne viel Zusehens feste Grundlagen eines neu—
zeitlichen, subjektivistischen Daseins gewonnen wurden. Solcher
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