Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 69
der Stadt. So war vornehmlich die Industrie des Erzgebirges,
die sich, anschließend an den Erzreichtum und erzwungen durch
den rauhen Boden des Landes, schon früh entfaltet hatte, in
ihrem Gedeihen nicht zum wenigsten auf die Konjunkturen der
Leipziger Messen angewiesen. Indem aber so das Land, das
früheste aller binnendeutschen Territorien mit starker Manu—
faktur und reichem Handel, von seinem Haupthandelsplatze ab⸗
hängig wurde, der übrigens seit dem 18. Jahrhundert auch
—
seine innere Lage langsam und fast unvermerkt hin auf die
Ziele des Wirtschafts-, Gesellschafts- und Staatslebens des
19. Jahrhunderts. So machte sich die Industrie schon seit
dem 16. Jahrhundert immer stärker auf dem platten Lande
heimisch; so drang das reiche Bürgertum der Städte weithin
ein in den Rittergutsbesitz des Landes: und ohne daß daraus
viel Wesens gemacht wurde, in praktischem Fortschritt, in nicht
prinzipiellen Auseinandersetzungen fiel ein gutes Teil der
Schranken, die plattes Land und Städte bisher getrennt
hatten. Namentlich wurde da Handelsfreiheit im Innern
weithin zur Regel und galt erst recht auch nach außen, wenn⸗
gleich hier unter einer gewissen Regelung durch vorteilhafte
Schutzzölle: ohne Umwälzungen im Sinne einer Katastrophe
wurden die Lehren des Merkantilismus verlassen.
Es war ein Fortschritt, der Kursachsen im Laufe des
18. Jahrhunderts entwicklungsgeschichtlich an die Spitze der
deutschen, mindestens der binnendeutschen Territorien stellte,
und der es ermöglichte, daß das Land die volle wirtschaft—
liche Bewegung des 19. Jahrhunderts längere Zeit hindurch
erlebt hat, ohne an seiner Gesetzgebung, abgesehen etwa
von der agrarischen Liquidation mittelalterlicher Einrich—
tungen!, noch viel zu ändern. Leise also war der Industrie—
staat hier emporgewachsen, und schon im 18. Jahrhundert hat
er auch an große Staaten, wie Preußen, so erleuchtete und
zur Praxis des subjektivistischen Staates so unmittelbar vor—
S. dazu unten drittes Kapitel, Abschn. II.