Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 71 
standen ihm so fest, daß er aus ihnen selbst der Leibeigenschaft 
Geschmack abgewann, wenn er sie auch nur in sehr gemäßigten 
Formen angewandt wissen wollte. 
Gleichwohl hat Möser für die Entwicklung des Handels 
geschwärmt, dessen Begünstigung er nicht als seinen soeben 
vorgetragenen Lehren entgegenstehend empfand; er hat ihm zu— 
liebe den Bau von Kunststraßen gefördert, er hat aus seinen 
Bedürfnissen heraus eine Erneuerung der alten Kreisverfassung 
des Reiches angestrebt, ja er ist sogar, von einer gewissen Vor⸗ 
liebe für ihn hingerissen, wohl der Erste gewesen, der unter dem 
Bilde einer erneuerten Hanse die kühnen Linien eines künftigen 
Zollvereines zu schauen wagte. 
So war er denn auch nur cum grano salis Merkantilist; 
und es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß er, in 
größere Verhältnisse versetzt, den Weg einer Staatsneubildung 
im Sinne des Subiektivismus tatkräftig beschritten haben 
würde. 
Aber hatte er seine kommerziellen Anschauungen nicht 
vielleicht doch bis zu einem gewissen Grade einem vorüber— 
gehenden Aufenthalte eben in weiteren Verhältnissen zu danken? 
Viele Monate hindurch hat Möser in England geweilt; und 
unter den deutschen Staatsmännern des 18. Jahrhunderts 
war er wohl derjenige, der englisches Vorbild am entschiedensten 
geschätzt und englischem Staatsgeiste den weitesten Eintritt in 
sein Denken gestattet hat. Aber so befruchtet mußte er sich doch 
auch durch die nordwestliche Lage seines Heimatsterritoriums 
zur Hebung des Handels ganz besonders veranlaßt fühlen. 
Wer aber vermag denn überhaupt schon den Einfluß des 
englischen Geistes auf die deutsche innere Politik gegen Aus— 
gang des 18. Jahrhunderts voll zu ermessen? Eingehende 
Forschungen über seine Wirkungen fehlen, und nur so viel ist 
sicher, daß, wie dem literarischen Einflusse Englands auf 
Frankreich und des französisch-englischen literarischen Geistes 
auf Deutschland noch vor der Mitte des 18. Jahrhunderts ein 
direkter Import englischer literarischer Empfindungen nach 
Deutschland gefolgt war: so in verwandter Weise der englische
	        
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