Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 77
Man sieht wohl, daß Stein damit über die Ideale der
Übergangszeit der fiebziger und achtziger Jahre, in denen sich
Individualistisches und Subjektivistisches noch mischten, grund⸗
sfätzlich hinausgegangen war. Allein zu der Zeit, da er diese
ersten Linien eines deutschen Staatslebens des Subjektivismus
nicht mehr bloß planend, sondern schaffend zog, war auch schon
theoretisch, in einer neuen, wenn auch noch jungfräulichen
Staatslehre, das System dieser Linien, wie wir sehen werden,
vornehmlich durch Wilhelm von Humboldt!, aufgedeckt. Und
mehr noch: um diese Zeit war auch bereits das Leben des
deutschen Subjektivismus auf einem gleichsam halb öffentlichen
Gebiete fast völlig in Knospe und Blüte geschossen: auf dem
Gebiete der Erziehung und des Unterrichts.
III.
Der Philosoph Tetens, einer der weitestblickenden Köpfe
der Zeit, stellte in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts
als Forderungen staatlicher Reformen auf: erstens Gewerbe—
freiheit; zweitens soziale Erleichterungen für die unteren
Schichten, insbesondere Verkürzung der Arbeitszeit auf täglich
neun bis zehn Stunden und entsprechende Erhöhung des
Arbeitslohnes, damit Muße für Bildung von Verstand und
Herz geschaffen werde; drittens Gedankenfreiheit; viertens
Jugendbildung im subjektivistischen Sinne.
Es ist ein für die Zeit überaus charakteristisches Programm;
aus wirtschaftlichen und sozialen Postulaten erhebt es sich
zur Forderung der Gedankenfreiheit als wichtigsten, wenn nicht
einzigen Menschenrechts, und für den richtigen Gebrauch
dieses Rechtes fügt es nur eine Einschränkung hinzu: die einer
zeitgemäßen Erziehung.
Wie Tetens empfanden alle der Zukunft zugewandten
Geister, wenn sie auch die notwendigen Forderungen nicht immer
in gleich klarer Weise formulierten; und so versteht es sich,
S,. unten Abschnitt IV.