82 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
methode noch weit verbreitet: da wurde denn z. B. dem Zögling
aoch immer, als Urgrund gleichsam alles Wissens, seine Seele als
erstens eine einfache, daher fürs zweite unteilbare und darum
drittens unsterbliche vernünftige Substanz mit Vernunft—
gründen bewiesen und nicht minder auch der liebe Gott als
eine analoge Substanz, nur ungleich höherer Art, ausdemonstriert.
Diesem Logizismus hat eigentlich erst Pestalozzi mit durchschlagen—
dem Erfolge das Prinzip der Anschauung, das heute den
Unterricht beherrscht, entgegengestellt: Pestalozzi, der drei Jahr—
zehnte hindurch keinerlei Bücher gelesen hat.
Allein die nächsten Aufgaben der späteren Zeit des
18. Jahrhunderts bestanden nicht so sehr in der Durchbildung
des unterrichtlichen wie des Erziehungsideals. Und hier war
man wenigstens in einem Punkte durchweg einig. Die Knaben der
besseren Stände der Rokokozeit und des ausgehenden Individua—
lismus hatten nicht selten, die Männer noch häufig Schnürbrüste
getragen; mit Strümpfen an den Füßen zu schlafen war gewöhn⸗
lich, Friedrich dem Großen wird es als Beweis der Abhärtung
angerechnet, daß er es nicht tat. Jetzt wollte man Freiheit,
Natürlichkeit, Frische zunächst der körperlichen Ausbildung; ein
Feldzug gegen Stubenhocken und Verzärtelei begann: manch
längst vergessener Sport, wie Schlittschuhlauf und Baden im
Freien, überhaupt Beschäftigung mit dem Elemente des Wassers,
kam auf, und den Höhepunkt dieser Bewegung hat die echt
deutsche Entwicklung einer disziplinierten Anstrengung des
Körpers, das Turnen Friedrich Ludwig Jahns, gebildet.
Darüber hinaus aber galt es alsbald auch sittliche Ideale
zu entwickeln. Und hier ist nun zunächst die alte aufklärerische
Richtung in der Übergangszeit, als dem jungen Subjektivismus
erst mehr Trieb als Willen, mehr Tendenz als Ziel zur Ver—
fügung stand, noch einmal zu Worte gekommen. Da haben
denn die Philanthropinisten das alte rationalistische Programm
der direkten Ausbildung fürs praktische Leben zu guter Letzt
noch einmal ins Feld geführt: natürlich vergebens. Den
lehrreichsten Versuch aber, die neue, noch unklare Bewegung
auch geistig zu beherrschen, hat wohl Friedrich der Große