Die Frühromantik.
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Indes im ganzen blieben das doch vereinzelte Versuche.
Zu stark war die Kluft, die sich zwischen dem Mystizismus der
Philosophen sowie der dichterischen Denker und der Anschaulich—
keit der Malerei auftat, als daß sie so auf eins hätte über⸗
brückt werden können. Und wurde das nicht eben von den
Philosophen, den Hohepriestern zunächst der verfeinertsten
Romantik, selbst empfunden? Schelling hat in seiner Rede
„Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur“ von
dem Künstler nur erwartet, daß er das Ganze im Auge habe
und das Einzelne danach entwerfe und ausführe: mithin von
der Natur des Einzelnen nur das behalte, was es auf das
Ganze bezieht. Gewiß war das eine an sich deutliche Vor—
schrift. Dennoch: welcher Maler hätte imstande sein sollen,
augenblicks und selbst höchst überlegter Weise nach ihr zu
schaffen? Da war es denn gut, daß schon beizeiten die litera⸗
rische Romantik selbst deutlichere Winke gegeben hatte: ja
bereits jetzt begannen Kunsttheorien, die von der Spekulation
und Poesie in die Werkstatt der Künstler verliefen, eine führende
Rolle zu spielen. Ein Jahr, bevor der Klassizist Carstens ge—
storben war, 1797, waren Wackenroders „Herzensergießungen
eines kunstliebenden Klosterbruders“ erschienen, und hatten,
zum Teil wiederum auf Grund von Betrachtungen in der
Dresdener Galerie, wie einst Winckelmann von Dresden aus⸗
gegangen war, gelehrt, daß nur „aus den zusammenfließenden
Strömen von Kunst und Religion sich der schönste Lebensstrom
ergieße“. Man sieht: es war eine, übrigens bald noch voll—
kommener entwickelte Parallele zu der teilweise schon in der
Poesie gefundenen Lösung; und der Glaube an sie wurde all—
gemein, als Wilhelm Schlegels Dichtung jenen Bund der Kirche
mit den Künsten feierte, dem Overbeck nachmals den Gedanken
se ines tiefsinnigsten Bildes vielleicht, des ‚Triumphes der Re—
ligion in den Künsten“, entnommen hat. Denn das war in
der Tat, was die Zeit zu bezeichnen begann: der Sieg des
Christentums in der Malerei, und zwar eines mystisch-roman⸗
tischen Christentums von leise asketischem und insofern archa—
ischem Charakter.