Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

90 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
ab: sie lief darauf hinaus, daß die anschauliche Natur durch 
die Idee zu meistern sei, und daß diese Idee sich dem Künstler 
in mystischen Momenten schöpferischer Verzückung als ein höchstes 
Moment seines inneren Schauens offenbare. Aber in der näheren 
Charakteristik des Konzeptions⸗ und Geburtsvorganges der Idee 
gingen doch Klassizismus und Romantik auseinander. Der 
Klassizismus hatte für diesen Prozeß immer antike Momente 
geltend gemacht, ihn mit antikem Inhalt möglichst weitgehend 
erfüllt. Anders die Romantik. Da lehrte nach Wackenroders 
mehr enthusiastischen Ausführungen auch August Wilhelm 
Schlegel in dem Gespräch „Die Gemälde“ schon 1798: die 
Reformation habe den Mystizismus zu vernichten gesucht; wer 
sich aber der Kunst und damit dem künstlerischen Schöpfungs⸗ 
vorgang ergeben wolle, der müsse den kirchlich-katholischen Ele— 
menten Raum geben: hier allein lebe für den Künstler jene 
Welt heiliger und reiner Symbole, auf die sein Seelenzustand 
hindränge; ihnen, den göttlichen und heiligen Personen eines 
noch wirksamen Glaubens, sei zu huldigen. Und so änderten 
sich denn die Inhalte, denen man Raum geben zu müssen 
glaubte: und die antike Kunst wurde durch eine christliche abgelöst. 
In welcher Zeit aber hatte die Kunst jenen kirchlich-katho— 
lisch-mystischen Charakter gehabt, den die Romantik ersehnte? 
War es in den letzten Jahrhunderten, war es selbst in den 
klassischen Zeiten der italienischen Kunst des 16. Jahrhunderts 
gewesen? Nimmermehr: Heidentum sprach aus den Werken 
eines Michelangelo und Raffael, ja selbst eines Lionardo. 
Weiter zurück also mußte man greifen in die Zeiten jenseits 
— 
der Alpen auf die frommen Gemälde Meister Wilhelms und 
seiner Nachfolger sowie der Niederländer des 15. Jahrhunderts; 
und auch Dürer durfte sich allenfalls noch dem heiligen Kreise 
nähern. 
Die Kunst aber, die man so fand, war natürlich nicht 
bloß katholisch und religiös, sie war vor allem in der Form 
auch mittelalterlich gebunden; sie kannte noch nicht die volle 
Meisterung der Farbe, geschweige denn kühne Versuche der
	        
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