Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
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Beherrschung des Lichtes. Im Umriß vornehmlich ging sie 
auf und in der Lokalfarbe, und ihre Raumvorstellungen be— 
gnügten sich mit einer noch wenig virtuos gehandhabten und 
selbst theoretisch noch nicht völlig klaren Perfpektive der Linien. 
So war denn diese Kunst freilich auch dem reinen Formen— 
gehalte nach recht geeignet, jenen Gefahren allzu naturalistischen 
Schaffens zu begegnen, denen das malerische Studium unter 
dem Einflusse des erwachsenden modernen Auges unterliegen 
konnte. 
Und hier war nun der Punkt, in dem sich die Romantik 
mit dem Klassizismus nochmals traf. Das, was die Malerei 
des Quattrocentos für die Gängelung der modernen Kunst 
leistete, das hatte man früher schon formell nicht minder durch 
den Einfluß der antiken Plastik zu erringen gesucht. Und auch 
inhaltlich standen sich doch Antike und selbst katholisches Christen⸗ 
tum um das Jahr 1800 nicht so fern, als man zunächst ver— 
muten könnte. Waren denn nicht evangelische wie katholische 
Kirche seit dem 16. Jahrhundert von der Stützung durch den 
Humanismus abhängig, hatte sich nicht neben der Philologia 
profana eine Philologia sacra für beide Kirchen entwickelt? 
Und noch sah man die Antike nicht mit dem bloß historisch 
sondierenden Auge der Gegenwart und in der ganzen nackt— 
erhabenen Blöße ihres Heidentums; noch hatte man die un— 
geheure Tiefe der geistigen Kluft, die uns von den Alten 
trennt, nur wenig ausgemessen; selbst über die Mitte des 
19. Jahrhunderts hinaus haben noch Generationen feingeistiger 
und überlegsamer Menschen in dem Glauben leben können, 
daß sie antike und christliche Weltanschauung im Innersten 
des eigenen Lebens zu verschmelzen vermöchten. 
So erklärt es sich, wenn Romantik und Klassizismus auf 
dem Gebiete der bildenden Künste formell wie inhaltlich ge— 
legentlich den engsten Bund eingingen, wenn selbst in großen 
Künstlerpersönlichkeiten etwas wie eine Verschmelzung der Ele— 
mente beider eintrat. So war Overbeck gewiß reiner Ro— 
mantiker und Thorvaldsen reiner Klassizist; wer aber wollte 
selbst bei ihnen trotzdem gemeinsame Elemente verkennen, und
	        
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