Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

92 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
wer vor allem etwa Cornelius in eine der beiden großen 
Strömungen so ohne weiteres einordnen? 
Im ganzen indes erlebte man, daß seit dem ersten Jahr⸗ 
zehnt des 19. Jahrhunderts die romantische Strömung langsam 
über die klassizistische siegte. 
Die entscheidenden Tatsachen des Übrgangs zur Romantik 
vollzogen sich an der Stelle, wo Antike und katholisches Christen⸗ 
tum im Anfange des 19. Jahrhunderts in bei weitem ein— 
drucksvollster Anschaulichkeit nebeneinander wirkten, in Rom. 
Overbeck, der Sohn eines Lübecker Bürgermeisters, hatte den 
Umgang des damals in religiöse Grübeleien versunkenen 
Philipp Otto Runge in Hamburg genossen, hatte dann seine 
eifrigen Naturstudien gleichsam idealisiert wiedergefunden in 
den Präraffaeliten, deren Werke ihm in Kopien in Hannover 
zu gänglich geworden waren, und war schließlich, nach länge— 
rem Aufenthalte in Wien, mit dem frühvollendeten, für 
Dürer begeisterten Pforr im Jahre 1810 nach Rom gewandert. 
Rom aber war damals so recht derjenige Ort der Welt, 
der ihre stillen Bestrebungen entfesseln, ihren Neigungen Halt 
gewähren konnte. In ununterbrochener Folge hatten sich in 
der ersten Hauptstadt der westlichen Welt bis zum Ausgange 
des 18. Jahrhunderts die Denkmäler der Antike, des Mittel-⸗ 
alters, der Neuzeit gehäuft: ein Giist hatte sie schließlich alle 
durchdrungen herab bis zu den jüngsten Bauten Clemens' XIV. 
und Pius' VI.: und mit jener erhabenen Monumentalität, 
deren Dolmetscher für die Deutschen Winckelmann geworden 
war, hatten sie als ewig, als zeitlos gleichsam und doch un— 
mittelbar sinnlich gewirkt. Dann aber war dieser sozusagen 
dogmatische und kanonische Zustand durch das Eingreifen der 
revolutionären Mächte von Frankreich und Oberitalien her be— 
seitigt worden: und zum ersten Male erhob sich in den jungen 
Zeiten des 19. Jahrhunderts die Frage nach dem Schicksal der 
ewigen Stadt außerhalb der uralten Gleise der weltumspannen— 
den Politik des antiken und des päpstlichen Roms. Schließlich 
war dann freilich das Erbe Petri aus dieser Krise scheinbar 
unversehrt hervorgegangen. Aber die alten Zeiten blieben ent—
	        
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