Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

8 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
Am stärksten ist Schwinds Begabung im Märchenerzählen; 
hier erreicht er den vollen Zauber der Übereinstimmung von 
Form und Dichtung; so in den schönen Bildern zum Aschen⸗ 
brödel (1855), in den Zeichnungen zum Märchen von den sieben 
Raben (1857) und von der schönen Melusine (1870), denen 
die Fresken aus dem Leben der heiligen Elisabeth auf der 
Wartburg angeschlossen werden können: da klingt und singt 
es aus ihm wie aus einer fernen, schönen Welt; und eine 
Stimmungsstärke duftet empor, in die auf dem Gebiete der 
romantischen Dichtung wohl höchstens Raimund und Grillparzer, 
auch sie Wiener, zu versetzen vermochten. 
Mit dem Wirken Schwinds erlosch der letzte verklingende 
Zauber der frühromantischen Kunst. Und war sie nicht eben 
durch ihn noch zu guter Letzt auf die volle Höhe einer idealisti— 
schen Kunst des Subjektivismus überhaupt gehoben worden? 
Schwind hat gelegentlich auch impressionistisch gemalt; er war 
im Vollbesitze des naturalistischen Künstlerauges seiner Zeit. 
Allein was er in seiner eigentlichen, seiner hohen Kunst schuf, 
lief nicht auf eine mechanische Wiedergabe der Erscheinungs— 
welt von größerer oder geringerer Treue hinaus, sondern war 
der Ausdruck seines besonderen Wesens, das mit eigenem 
Auge Form, Raum und Farbe empfand und darnach persön— 
lich zu stilisieren wußte. 
Indes mit dieser Art innerer Anlage und schöpferischen 
Auswirkens reichte Schwind doch schon weit über den künst⸗— 
lerischen Charakter der eigentlichen Frühromantik hinaus. Bei 
ihm war das naturalistische Wiedergabevermögen schon das 
Grundlegende, und so hing von ihm auch die schöpferische Kraft 
letzthin ab. In der Frühromantik dagegen, und zwar in ihren 
eigentlichen Zeiten wie bereits im Klassizismus, wurde das Ver— 
hältnis von Stilisierung und Naturwiedergabe umgekehrt ge— 
dacht. Erst die Idee, hieß es da, und dann die Anschauung, 
das Bild. Und so malte man Wirkungen, ehe man Ursachen 
kannte: malte bei aller Reinheit der subjektiven Stimmung 
Effekte. Es war gewiß zugleich Inhaltsmalerei; aber nicht 
mmer, ja selten sogar leuchtete die Idee schließlich als ein
	        
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