100 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
der subjektiven' Romantik anlangt, entsprach da nicht das Lese—
drama ganz der Kartonmalerei, ja auch dem ausgeführten
frühromantischen Fresko? Und wenn selbst in den an Blut
bolleren Dramen der Zeit ein Schicksal voller Willkür nur
Schemen und Typen statt Charaktere und Personen zuließ:
wiederholte sich diese Erscheinung nicht in den gleichsam formel⸗
haften Gestalten der religiösen und mythologischen Zyklen⸗
malerei, deren Erzeugnisse die Wände von Palast und Kirche
zu füllen begannen? Man mag dabei anführen, daß die deutsche
Kunst von jeher etwas Gedankenhaft-Poesievolles gehabt habe,
daß schon das deutsche Mittelalter angeblich dichtende Maler
erzeugt habe, daß unserem Volke bereits seit dem 15. Jahr—
hundert in sehr charakteristischer Weise die kraftvollste Aus—
bildung einer räsonnierenden und phantasierenden Griffelkunst
eigen sei: all diese Elemente, deren Dasein zum Teil nicht be—
stritten wird, trugen in den Anfangszeiten des 19. Jahrhunderts
nur dazu bei, einer an sich gedankenhaften und in diesem Sinne
dealistischen Kunst noch eine immerhin bedeutende Wirkung
und erstaunliche Lebenskraft zu verleihen. Und, um schließlich
das Letzte und Höchste zu betonen: spricht aus der keuschen
und zarten Umrißwelt der Nazarener nicht derselbe Geist, der
Weltanschauung und Dichtung beherrschte, der Geist der Mystik?
Und wird nicht eben erst durch ihn diese Kunst ganz charakteri—
siert, und keineswegs schon durch ihre mehr äußere Abhängig—
keit von den Künstlern des Quattrocentos?
Ganz parallel standen in den eigentlichen Tiefen der Ent—
wicklung die idealistische Kunst und die deduktive Spekulation
der frühromantischen Weltanschauung wie der Paroxysmus der
Dichtung; sie alle drei blieben in bewußter Entfernung von
der Wirklichkeit, sie alle drei suchten das Pathos der Distanz,
am die Wirklichkeit zu meistern: und mystische Herrschafts—
neigungen eines extremen Subjektivismus waren ihr Keim,
ihr Wirkungsmittel und ihre Krönung.