Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Frühromantik. 
101 
Und so war denn doch, alles in allem betrachtet, mit der 
Entwicklung der Frühromantik eine neue Kulturhöhe, ja im 
Grunde die Kulturhöhe überhaupt erst der ersten Periode des 
Subjektivismus gewonnen: und unendliche Wirkungen haben 
sich aus der zunächst noch unentwickelten Kraft ihrer Kern⸗ 
erscheinungen in die Seelen der kommenden Menschenalter 
gesenkt. 
Es ist, neben dem starkentwickelten Klassizismus des Endes 
des 18. Jahrhunderts, eine in hohem Grade merkwürdige Er— 
scheinung: fast wie Rivalen muten sich um 1800 diese beiden 
großen Idealismen, der klassische und der romantische, an: 
und geistig unendlich reich erscheint die Zeit eben in diesem 
Wettbewerb. 
Doch war seit spätestens etwa dem Jahre 1810 kein 
Zweifel mehr, welche der beiden Strömungen die tiefere, die 
zu nationaler Herrschaft weiterhin berufene war. Herder hat 
schon 1767, in den „Fragmenten über die neuere deutsche 
Literatur“, geäußert: „Wäre Deutschland bloß von der Hand 
der Zeit an dem Faden seiner eigenen Kultur fortgeleitet: un⸗ 
streitig wäre unsere Denkart arm, eingeschränkt: aber unserem 
Boden treu, ein Urbild ihrer selbst, nicht so mißgestaltet und 
zerschlagen.“ Inzwischen hatten sich die eingeborenen Tendenzen 
geltend gemacht: während der Klassizismus, von nationalen 
Trieben eines noch nicht zu vollster Reife und Überreife ent— 
wickelten Subjektivismus getragen, groß und gewaltig am Ende 
nur durch fremde Hilfe, in raschem Verfalle abstarb, ohne die 
Gesamtentwicklung gerade in ihren nächsten Phasen mehr als 
oberflächlich zu furchen, erhob sich immer wirksamer aus ex— 
tremster Selbstentfaltung der Nation heraus die Romantik: 
freilich nicht alsbald in sich gerundet, mehr Gärungsmittel 
einstweilen als Vollendung, mehr Zukunft als Gegenwart, ge— 
schweige denn Vergangenheit trotz aller historischen Tendenzen. 
Mit diesem außerordentlichen Wechsel aber wandelte sich zu⸗ 
gleich auch das Schicksal der bisher führenden Personen, mochten 
sie den Umschwung noch als Zeitgenossen schauen oder bei 
seinem Eintritte wenigstens noch als bestimmende geschichtliche
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.