Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

102 Vierundzwanzigsies Buch. Erstes Kapitel. 
Mächte fortleben. Und da zeigte sich denn bald, wie sie bei— 
nahe alle doch der vorromantischen Entwicklung so fest ein— 
geschrieben waren, daß ihre Einwirkung zurücktrat und dem 
Einflusse der anfangs kleinen, aber kräftigen Gesellschaft der 
Romantiker fast bedingungslos Platz machte. Wer schuf da 
noch in den Spuren der Musik Mozarts, so gern man die 
Musik des Meisters hörte? Rückwärts, in das Rokoko der 
Italiener und Franzosen, schien er zu weisen. Und erging es 
den Werken Schillers besser? Sieht man auch ganz von dem 
Gegensatze Schillers und der Romantiker auf dem Gebiete der 
ästhetischen Lehren ab: im Leben der Dichtung gingen Schillers 
Spuren vielfach auf lange verloren, und ein neues Geschlecht 
dichtete in anderer Sprache, anderen Lauten. Dabei blieb kaum 
zu verkennen, daß auch noch Resterscheinungen des individua⸗ 
listischen Zeitalters eben Mozart und Schiller von den neuen 
Jahrzehnten trennten: beide Meister waren stärker im Be⸗ 
wältigen des einzelnen, im gegenständlichen Ausdrucke, schwächer 
dagegen im Pathos der Gesamtkomposition trotz aller Geschlossen⸗ 
heit des Aufbaus: Schiller hat kaum irgendwo eine ab⸗ 
geklärte Schicksalsidee folgerichtig walten lassen, Mozart ist weder 
in seinen zyklischen Werken noch gar in seinen Opern Sym— 
phoniker. So blieben sie denn beide gerade im Innersten ihres 
Schaffens gegenüber den Anforderungen der romantischen Zeit 
zurück und büßten das durch halbe Vergessenheit. 
Aber auch Kant und Herder, die Denker der abgelaufenen 
Perioden des Subjektivismus, hörte man weniger. Besonders 
wenig bald Kant. Kants noch recht enge Beziehungen zum 
— 
Phantasie, vornehmlich moralischen Problemen zugewandt, ver⸗ 
sagte gegenüber den philosophisch-mystischen Anforderungen, 
die sich an die frühromantische Ineinssetzung des Ichs und 
der Welt knüpften. Besser in gewissem Sinne erging es 
Herder. Schon der literarische Streit, in den er eben mit Kant 
verwickelt worden war, kann hier als symptomatisch gelten: 
was zutage trat, war der Gegensatz des Denkens von Empfind— 
samkeit und Sturm und Drang und des Philosophen des
	        
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