Die Frühromantik.
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mehr rationalen Klassizismus; und die romantische Folgezeit
entschied sich für Herder. Dennoch gewann Herders Denken,
so sehr es in den historischen Wissenschaften noch fortlebte, zu
den leitenden Ideen Fichtes und Schellings kein inneres Ver—
hältnis, und selbst in Hegels System erscheint es noch un⸗
verarbeitet, ja ist es beiseite geschoben. Denn ein anderer
Entwicklungsgedanke hatte sich inzwischen im Denken der Ro—
mantik zu entfalten begonnen, und die Zeit war noch nicht
im Besitze eines geschichtlichen Denkens, dem die Klarlegung
der feinen Unterschiede zwischen dem frühsubjektivistischen Evo—
lutionismus Herders und dem romantischen Evolutionismus
in seiner Entfaltung von Fichte bis Schelling oder bis Hegel
als Pflicht gegolten hätte!.
Und so konnte es denn scheinen, als wenn mit dem
Szenenwechsel zwischen Klassizismus und Romantik auch ein
voller Personenwechsel verbunden wäre. Wie an Meeresstellen,
in denen entgegengesetzte Strömungen in ewigem Wechsel
gegeneinander prallen, sich Wellenberge türmen, deren zu
Wasserwänden emporschießende Wogenkämme in jähem Nieder—
fall zu töten scheinen, was sich ihnen von animalischem Leben
nähert, so daß diesseits und jenseits dieser Strudel verschiedene
Welten des Lebens hausen: so konnte man meinen, daß der Über⸗
gang vom Klassizismus zur Romantik eine alte Generation
ganz ausscheiden und eine völlig neue zur Herrschaft berufen
wer de.
Dennoch hat es zwei Genien gegeben, die über diesen Wechsel
gesiegt haben: Adlern gleich schwebten sie über den Tiefen des Ab⸗—
grunds, kaum berührt von dem Gischt ewig wiederholter Gegen⸗
wirkungen, die Welten des Alten und Neuen zugleich umfassend
und verbindend: Beethoven und Goethe. Es war eine wunder⸗
bar einzige Stellung; das Größte, was Menschen dieser Jahre zu
erleben vergönnt war: und nur besonderen Umständen höchster
Begabung und glücklichster Fugung wurde sie verdankt.
Schon Herder hat der Musik jene zentrale Stellung unter
1 Val. dazu unten Zweites Kapitel Abschnitt IV.