104 Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
den Künsten der Zukunft geweissagt, die sie heute in manchem
Betrachte erreicht hat. Dabei ist die Musik zugleich auch die
eigentlich populäre Kunst geworden: ein höchster Ruhm und
ein stärkster Triumph in demokratischen Zeiten. Die deutsche
Sprache hat für die Unempfindlichkeit gegen die Wirkungen
der Dichtung oder der bildenden Kunst kein Wort; für die
Unempfindlichkeit gegenüber der Musik dagegen hat sie, eben
im Zeitalter des Subjektivismus, das Wort unmusikalisch ge⸗
prägt: und schon Goethe meinte, daß einem Unmusikalischen
die Hälfte des Daseins verloren gehe. Ist es da nicht be—
greiflich, daß, was nur immer dem Heldentum der Phantasie⸗
tätigkeit im 19. Jahrhundert zugehörte, Maler, Architekten,
Bildhauer, Dichter, fast ausnahmslos in der Welt des Musika⸗
lischen heimisch war? Schon für Schiller sprach die Seele nur
Polyhymnia aus, und bereits Goethe hat in seinen Sprüchen
in Prosa den Satz geprägt, daß die Würde der Kunst bei der
Musik wohl am eminentesten erscheine: denn sie habe keinen
Stoff, der abgerechnet werden müßte, sie sei ganz Form und
Gehalt und erhebe und veredle alles, was sie ausdrücke.
Diese allgemeine Stellung der Musik in subjektivistischen
Zeitaltern, die ihren Meistern ohne weiteres eine zentrale
Wirkung auf dem Gebiete der Phantasietätigkeit zuweist, wurde
aber innerhalb der deutschen Entwicklung nochmals erhöht durch
die von niemand bestrittene besondere musikalische Begabung
der Nation und durch den Umstand, daß nur die Musik eine
durch fremde Gewalten ungebrochene Entwicklung schon wäh—
rend der gesamten subjektivistischen Frühzeit erlebt hatte. Da
war sie schon mit so wunderbaren Übergangserscheinungen in
das neue Zeitalter eingetreten, wie mit Bach und Händel:
Meistern, die die technischen Hilfsmittel zur Wiedergabe späterer
musikalischer Empfindungen bereits sehr eingehend entwickelten.
Da hatte sie rasch in Homophonie und Lied die ersten Kunst—
formen des neuen musikalischen Seelenlebens entfaltet und
hatte die frühe Krönung dieser gesamten Entwicklung noch im
Laufe des 18. Jahrhunderts im musikbegleiteten Drama wie
in den zyklischen Konzertarten, in der Oper wie in der Sym—