106 — Vierundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
emporführt. Gleichwohl würde es schwer sein, in dem Walten
solcher Kraft speziell frühromantische Gefühle, ja eine ro—
mantische Disposition überhaupt zu entdecken. Denn was
sich hier äußert, ist allgemein menschlicher Art, wenn auch
zu höchsten Höhen gehoben; und für diese Musik gelten die
vom Romantischen zum Universalen überleitenden Zeilen
Schlegels:
Musik ist die Kunst der Liebe,
In der tiefsten Seel' empfangen
Aus entflammendem Verlangen
Mit der Demut heil'gem Triebe;
Daß die Liebe selbst sie liebe,
Zorn und Haß sich ihr versöhnen,
Mag sie nicht in raschen Tönen
Bloß um Lust und Jugend scherzen:
Sie kann Trauer, Tod und Schmerzen,
Alles, was sie will, verschönen. —
Beethoven aber wurde an Universalität der Stellungnahme,
an Schweben gleichsam über dem Abgrunde der Zeiten noch
einmal übertroffen durch Goethe.
Wie ist doch das Leben Goethes im Verlaufe dreier
Menschenalter harmonisch dahingeflossen! Die Geburt des
Dichters leitete das neue große Zeitalter des Subjektivismus
ein, dem sein Leben angehören sollte, und seine Lebensperioden
fielen mit Empfindsamkeit und Sturm und Drang, mit Klassi—
zismus, mit Romantik, ja beinahe noch mit der Periode des
Realismus zusammen. Wie mögen wir jemand glücklich preisen,
der 1848 als Jüngling, 1806 und 1870 als reifer Mann und
darauf die erste Glorie des neuen Reiches als Greis erlebt hat.
Ein reiner Wohllaut, Akkorde gleichsam vom selben Klang und
doch von stets höherem Reichtum und größerer Vollendung scheinen
uns sein Leben erfüllt zu haben. Und doch verlief sein Leben mit
dem Goethes verglichen noch flach im Strome der Zeiten, war
sein Dasein nur auf ein Instrument des ungeheuer reichen mensch—
lichen Orchesters, das politische, gestimmt: und weit blieb er
damit zurück hinter dem Sonntagskinde des Jahres 1749. Denn
diesem bot der Zeiten vollste Fülle alles, dessen es jeweils im